Die Fragmentierung von Bretton Woods

Seit sich führende Politiker der 44 alliierten Nationen im Jahr 1944 in Bretton Woods, New Hampshire, trafen, um den institutionellen Rahmen für die Geld- und Wirtschaftsordnung nach dem Zweiten Weltkrieg aufzubauen, hat sich die Welt erheblich verändert.
Was sich in den letzten siebzig Jahren nicht verändert hat, ist der Bedarf an starken, multilateralen Institutionen. Und trotzdem scheint die politische Unterstützung für die Bretton-Woods-Institutionen – den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank – ein Allzeittief erreicht zu haben. Dies unterminiert die Fähigkeit der Weltwirtschaft zum Erreichen ihres Potenzials und trägt zur geopolitischen Unsicherheit bei.
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MOHAMED A. EL-ERIAN – Projekt Syndicate – Aus dem Englischen von Harald Eckhoff


Wasserwerfer, Wahrsager, Wirtschafts-Gurus: Erste Lawinen am Zauberberg in Davos

“Hier in Davos werden die akuten Ängste vor einer Finanzkrise durch die Furcht vor einer lange währenden Flaute abgelöst”

schreibt der Business Editor des Wall Street Journals, Dennis Berman, heute auf Twitter.
Ist das Resignation? Ist es das Eingeständnis, dass Gier, Finanz-Eskapaden und Korruption uns in eine Lage manövriert haben, in der das Beste was wir tun können, Abwarten ist?

Abwarten, Budgets schonen und Geldpumpen? Und was bedeutet das für uns alle, wenn die Eliten kein Rezept für die Zukunft haben?

Wenigstens das Eingeständnis, dass wir alle ganz schön im sogenannten “Schacht” festhängen, macht sich ja in Davos breit. Und jene, die selbst Jahre nach der Finanzkrise mit stolz geschwellter Brust wie Gockel umher stolziertwaren und weiter ungebändigte Märkte predigten, ziehen sich jetzt in hintere Reihen zurück. Gestern twitterte einer meiner Kollegen, er habe Jamie Dimon bei einem Zukunfts-Panel irgendwo ganz hinten an der Wand stehend gesehen.

So scheint mir die Lage seit Monaten insgesamt zu sein: Die Marktaufseher werden aktiver, die Gauner, Pokerspieler und Manipulierer der Branche ziehen die Köpfe ein, die Politiker warten auf bessere Zeiten und vergeigen (siehe Rentenpläne der Großen Koalition) schon wieder die kleinen Fortschritte, die sie in den vergangenen Jahren ebenso zögerlich wie mühsam gemacht hatten, während skrupellose und einfallslose Notenbanker Geld pumpen was das Zeug hält – bis irgend jemand in diesem Universum eine Eingebung bekommt, wie wir aus dieser Dauerkrise wieder heraus finden.

Die Chancen scheinen nicht gerade gut zu stehen, wie die Nachrichtenflut heute wieder einmal belegt, von dem schwachen China-PMI ganz zu schweigen.

Investoren werfen sich zurück in die Anleihemärkte Europas, weil sie anderswo wenig Renditen sehen und Blasen befürchten, lesen wir. Dabei ignorieren sie, dass die Krise in der Eurozone alles andere als ausgestanden ist.

”Investoren ziehen es vor, alle möglichen Dinge zu übersehen”

beichtet mit einem Hauch von Ergebenheit der scheidende PIMCO-CEO Mohamed El-Erian.

Währenddessen ergeht sich Krisen-Guru Nouriel Roubini in ominösen Warnungen. Aus Davos twitterte er gleich zwei Mal, dass viele Redner beim Weltwirtschafts-Forum Vergleiche zwischen 2014 und 1914 ziehen, dem Jahr, in dem der Erste Weltkrieg ausbrach. Hier wird darauf verwiesen, dass mit dem Konflikt zwischen Japan und China ein zusätzlicher Schwarzer Schwan vor den Debatten-Sälen in Davos seine Kreise zieht.

Auch Nobelpreisträger Robert Shiller, der zugibt mangels Alternativen weiterhin in Aktien zu investieren, zieht historische Vergleiche. Experten könnten unsicher und ratlos werden, räumt Shiller in einem Interview mit CNBC ein, und fügt hinzu:

“I’m not as optimistic based on history. There’s a potential for another collapse, definitely.”

– Schluck !

Nicht nur Chinas Fabriken, auch die Fertigung in den USA erleidet zu Jahresbeginn einen Rückschlag. Die Industrieproduktion verliert in diesem Januar zum ersten Mal in drei Monaten an Schwung, weil weniger neue Aufträge hereinkommen. Der Einkaufsmanager-Index von Markit taucht von 55 im Dezember auf jetzt 53,7 ab. Unsere lieben “Experten”, die gerne von Reuters und Bloomberg interviewt werden, hatten keine Veränderung erwartet.

Kollabiert da gerade die ganze Propaganda-Offensive, die Analysten, Fondsmanager und internationale Organisationen in den vergangenen Monaten mit auffallend mehr Einsatz und Energie betrieben hatten? Und das, während die Macher, Manipulierer, Money-Manager und Mi-kannst-gern-ham-Banker gerade ihren prominentesten jährlichen globalen Schaulauf veranstalten ? – Das Timing ist entlarvend, finde ich. Das potemkinsche Dorf wackelt über einem neuen Nachbeben, während der Zar gerade wieder mit seinen prachtvoll geschmückten Pferden hindurch reitet.

Und noch eine nachdenklich stimmende historische Betrachtung.

Den USA geht beim Stimulieren ihrer seit den 70er Jahren stagnierenden Wirtschaft langsam aber sicher die Munition aus, sagt Columbia-Professor und Nobelpreisträger Edmund Phelps. Phelps reiht sich nahtlos in die Phalanx jener ein, die in Davos eingestehen, dass der Weg aus der Dümpel-, Schulden- und Vertrauensmisere, die mit der Finanzkrise und der nachfolgenden Rezession angezettelt wurde, deprimierend lange sein könnte.

“It’s surprising when people suddenly are talking about stagnation when we’ve been in stagnation since 1972,”

zitiert CNBC Edmund Phelps,

“governments have thrown all sorts of ammunition at it including concocting the housing boom. We are kind of out of that ammunition, and we have to dig deeper if we are going to get out of this rut.”

Auweia, was sagt der Mann erst, wenn keine Kameras und Mikrofone aufgestellt sind?

Wo wir schon bei den folgenschweren und vielsagenden Eingeständnissen sind: Die wahre Arbeitslosigkeit liege in den USA bei 37.2%, sagt der Präsident beim Vermögensverwalter Marotta Wealth Management in Charlottesville, David John Marotta. Seine Begründung: Die Statistiker der Regierung Obama schönen die Zahlen. Das haben wir jetzt binnen weniger Wochen schon zwei Mal gehört. Und laut dem Landwirtschafts-Ministerium in Washington gehörten Mitglieder von 20% aller US-Haushalte 2013 zu den Besuchern der amerikanischen Suppenküchen.

Auf der anderen Seite des Atlantiks bereiten sich Polizei-Einheiten im ganzen britischen Land auf die Anschaffung von Wasserwerfern vor. Sie fürchten als Folge anhaltender Sparpolitik größere Unruhen und wollen darauf vorbereitet sein. Eine entsprechende Anfrage wurde bereits beim Innenministerium in London eingereicht. Sehr gut, wenigstens in diesem Punkt sind jene, auf die wir uns gerne verlassen würden, vor der Kurve.

Geht es in Davos wirklich nur um die Furcht vor einer dümpelnden Wirtschaft? Oder .. wächst da die Angst vor einem sozialen Beben, das angesichts der lange währenden wirtschaftlichen und politischen Krise erstaunlich lange ausgeblieben ist?

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Erstveröffentlichung: Markus Gaertner’s Blog

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Danke für Dein waches Auge, lieber Markus und herzliche Grüße nach Vancouver.

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Ihr Oeconomicus

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Is The China Bank Run Beginning?
Farmers Co-Op Unable To Pay Depositors

Liquiditaetsengpässe, non-performing loans und sonstigen Verwerfungen an den chinesischen Finanzmärkten
beobachtet von zerohedge


Es wird einsam um Ben Bernanke

Es wird einsam um Ben Bernanke

Bildrechte: Public domain, per correspondence with the Federal Reserve. Permissions submitted to OTRS
Dass US-Notenbankchef Ben Bernanke heute im kleinen Skiort Jackson Hole eine neue Runde Anleihekäufe einläutet, ist unwahrscheinlich. Jedes Jahr wird das Treffen der Notenbanker zum Großereignis hochgejazzt – doch die Fed hat mehrere Gründe, stillzuhalten und die Jackson-Hole-Propheten zu enttäuschen.
Bernanke hat keinen Grund, heute eine dritte große Geldflut (QE3) anzukündigen, zumal sich der Offenmarktausschuss der Fed ohnehin in zwei Wochen wieder trifft. EZB-Chef Mario Draghi bleibt dem jährlichen Meeting der Notenbanker sogar fern – er muss die wichtige Sitzung der EZB am kommenden Donnerstag vorbereiten.
„Erwarten Sie keine wichtigen Ankündigungen – es ist nicht 2010“
Erwarten Sie keine wichtigen Ankündigungen, sagt der Chef des weltgrößten Anleihefonds Pimco, Mohamed El-Erian. „Es ist nicht 2010“, fügt der Ökonom Timothy Duy an der University of Oregon hinzu. Duy spielt darauf an, dass Bernanke vor zwei Jahren bei seinem Auftritt in Wyoming den baldigen Start von QE2 angedeutet hatte und damit eine Börsenrally auslöste. Damals fürchtete der Fed-Chef aber, dass sinkende Preise den US-Firmen die Margen verhageln, die Investitionen ausbremsen und eine erneute Rezession herauf beschwören.
Geldspritze kurz vor der Wahl würde als Wahlhilfe für Obama gesehen
Die Fed, sagen Beobachter, will auch deshalb mit dem nächsten Schluck aus der geldpolitischen Pulle warten, weil sie zwei wichtige Termine vor Augen hat. Der erste ist der 6. September, wenn die Europäische Zentralbank mögliche weitere Schritte erklären will. Der zweite ist die Bekanntgabe der Jobzahlen für den August in der US-Wirtschaft. Die Zahlen kommen am 7. September. Wird eine Zahl unter 100.000 gemeldet, signalisiert das erneute Schwäche. Die Fed könnte dann bei ihrer nächsten regulären Sitzung am 12. und 13. September reagieren.
Vorbehalte gegen neue Milliardenschwemme wachsen
Die Fed pumpte mit QE1 und QE2 mehr als zwei Billionen Dollar in das Finanzsystem. Die Notenbank hat zudem Ende 2008 die Leitzinsen auf fast Null nach unten geschraubt und hat angekündigt, sie dort bis mindestens Ende 2014 zu belassen. Bis Ende 2012 läuft noch eine dritte Kampagne, die Operation Twist, in deren Verlauf die Fed mit einem Aufwand von 700 Milliarden Dollar durch den Kauf länger laufender Anleihen die Zinsen am langen Ende niedrig halten will.
Lösung liegt nur noch in der Haushaltspolitik
„Wen kümmert es eigentlich noch was die Fed macht“, wundert sich Steve Quirk, der Vizepräsident bei TD Ameritrade, „was wollen die noch machen, die Zinsen unter Null senken?“
Markus Gaertner – ManagerMagazin