Der folgenschwere Irrtum der Euroretter – Politik und Medien abgetaucht!

Der folgenschwere Irrtum der Euroretter – Politik und Medien abgetaucht!

Im gerade veröffentlichten IMF ‚Working Paper“ WP/13/1 mit dem für ökonomisch nicht vorbelastete Menschen harmlos klingenden Titel „GROWTH FORECAST ERRORS AND FISCAL MULTIPLIERS“ offenbart der weltweit geachtete Chef-Ökonom des IMF, Olivier Blanchart seine volkswirtschaftliche Inkompetenz.
Man habe bei den bisherigen Prognosen einen zu niedrigen „Fiskalmultiplikator“ angenommen, so Blanchart’s erbärmliches Geständnis.
Bereits im Oktober letzten Jahres sorgte der IMF für Aufregung, als er in einer Randnotiz anmerkte, dass die negativen ökonomischen Auswirkungen staatlicher Ausgabenkürzungen falsch eingeschätzt sein könnten.
Diese Granaten-Nachricht wird bislang weder von unseren Qualitätsmedien, noch den politischen SchwergeWICHTEN und schon gar nicht von den Worthülsen-Weitwerfern des Sachverständigen-Rates der Bundesregierung aufgegriffen.
Lobenswerterweise hat sich Jens Berger mit der Materie recht sachkundig auseinandergesetzt, seine Bewertung findet sich bei den Kollegen der Nachdenkseiten.
Aus Zeitgründen habe das in Rede stehende Working Paper zunächst überflogen, werde nach genauer Analyse sehr gerne darauf zurückkommen.

Ihr Oeconomicus

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aktueller Aufsatz von Robert Misik
1/2013 – die Woche, in der Währungsfonds und EU neoliberale Weisheiten zertrümmerten!
misik.at, sehr empfehlenswert!
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Der Fiskalmultiplikator

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Eine Bewertung von Mag. Peter Brandner [Fachexperte für empirische Wirtschafts- und Finanzmarktforschung
im Bundesministerium für Finanzen in Wien]
Auszug aus seinem Aufsatz „Fiskalpolitik in der Krise“ – PDF [25 Seiten], veröffentlicht bei Wirtschaftspolitische Blätter, 2/2010 – 57. Jahrgang
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Fiskalmultiplikator
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Keynesianischer Ansatz
Im Rahmen der keynesianschen Denkschule konzentrieren sich die wirtschaftspolitischen Überlegungen auf die kurze Frist. Dem zu Folge bestimmt die
(effektive) Nachfrage die gesamtwirtschaftliche Leistung (BIP), rigide Preise und unterausgelastete Kapazitäten sind u.a. wesentliche Annahmen.
In einem derartigen Modellrahmen führt eine expansive Fiskalpolitik (z.B. Steuersenkung, Transfererhöhung) zu höherem Konsum und zu höheren Investitionen, wobei eine Staatsausgabenerhöhung einen größeren Effekt auf die Nachfrage ausübt als eine Steuersenkung.
Der Fiskalmultiplikator ist in diesem simplen Modell (einer geschlossenen Volkswirtschaft) größer als eins. Werden die höheren Staatsausgaben durch eine Steuererhöhung finanziert, dann ist der „Balanced Budget“ Multiplikator exakt eins.
Erweiterungen dieses simplen Modells zum IS-LM Modell, in dem auch Zinsänderungen zugelassen werden bzw Geldpolitik möglich wird, führen zu „Crowding-out“, d.h. private Nachfrage wird durch staatliche Nachfrage (teilweise) verdrängt/substituiert.
Der Fiskalmultiplikator wird dadurch kleiner, bleibt aber positiv.
In dem Modell einer offenen Volkswirtschaft spielen zusätzlich das Wechselkursregime bzw der Grad der Kapitalmobilität und die Importneigung der Volkswirtschaft eine Rolle. So führen in diesen Modellen vollständige Kapitalmobilität und flexible Wechselkurse zu vollständigem Crowding-out, d.h. die Fiskalpolitik wäre ineffektiv, der Fiskalmultiplikator null.
Werden in diesem Modellrahmen auch Vermögenseffekte zugelassen (d.h. der Konsum hängt auch vom Finanzvermögen ab), so senkt dies den Fiskalmultiplikator, ebenso, wenn Preise flexibel reagieren können.
Allen Modellen dieser Denkschule ist jedoch gemein, dass sie die intertemporale Budgetbeschränkung außer Acht lassen, der eine Regierung, die eine untragbare Schuldenentwicklung ausschließen möchte, unterworfen ist.
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Neoklassischer Ansatz
Die neoklassische Denkschule bedient eher mittel- bis langfristige wirtschaftspolitische Überlegungen. Im Rahmen der Dynamik dieser Modelle spielt die intertemporale Budgetbeschränkung eine wichtige Rolle. Die Kapazitäten sind ausgelastet (und kurzfristig fix), die Preise (voll) flexibel, so dass auch kurzfristig die Märkte immer geräumt sind. Dem zu Folge bestimmt das aggregierte Angebot die gesamtwirtschaftliche Leistung, expansive Fiskalpolitik führt zu vollständigem „Crowding-out“, sofern nicht durch angebotsseitige Effekte etwa Kapazitäten erweitert werden.
Der durch die Fiskalpolitik induzierte Vermögenseffekt spielt in der Wirkungsweise dieser Modelle eine wesentliche Rolle, der negative Effekt auf die
Wirtschaftsleistung ist bei einer permanenten Erhöhung der Staatsausgaben höher als bei einer temporären (Baxter, M./King, R. G., Fiscal Policy in General Equilibrium, American Economic Review 83, (1993) 315–334).
Modellerweiterungen lassen durchaus positive Multiplikatoren zu. Ausgaben für öffentliche Güter, die positive Externalitäten aufweisen, führen zu höherem Wachstum, wie umgekehrt auch die Rückführung von Ausgabenkategorien, die mit keinen bzw negativen Externalitäten verbunden sind, wachstumsfördernd ist. Die Senkung von Steuern auf Arbeitseinkommen wirkt positiv auf das Arbeitsangebot, niedrigere Kapitalsteuern wirken auf die Spar- und Investitionsentscheidung und forcieren die Kapitalakkumulation.
Der Erwartungsbildung kommt in dieser Denkschule große Bedeutung zu, zumal die Konsumentscheidung nicht vom aktuellen, sondern vom erwarteten Lebenseinkommen abhängt. Da in diesen Modellrahmen „rationale Erwartungen“ (d.h. die Wirtschaftssubjekte machen – anders als in der klassischen keynesianischen Denkschule, wo statische oder adaptive Erwartungen unterstellt werden – keine systematischen Prognosefehler) eine zentrale Rolle spielen, können potentiell langfristige Effekte bereits in der kurzen Frist wirken. Auch die Unterscheidung zwischen temporären und permanenten Maßnahmen spielt für die Höhe des Fiskalmultiplikators eine Rolle.
In einem Modellansatz dieser Denkschule ist das Barro-Ricardo-Äquvivalenztheorem formuliert. Unter bestimmten (restriktiven) Annahmen ist es unerheblich, ob die Staatsausgaben durch Steuern oder Schulden finanziert werden (Barro, R. J., Are Government Bonds Net Wealth? Journal of Political Economy, 82, (1974) 1095–1117).
Schuldenfinanzierte Steuersenkungen sind wirkungslos, da sich öffentliches und privates Sparen gegensätzlich im selben Ausmaß entwickeln, der „Balanced
Budget“-Multiplikator somit exakt null ist. Durch Änderung einiger Annahmen (z.B. proportionale/progressive Steuern) und deren Wirkungen auf Arbeitsangebot, (permanentes) Einkommen und Konsum sowie Kapitalakkumulation können positive wie negative Multiplikatoren resultieren.
Ein wesentlicher Mechanismus für das Neutralitätsergebnis ist die Erwartungsbildung im Zusammenspiel mit der intertemporalen Budgetbeschränkung.
Wenn fiskalpolitische Regeln dadurch, dass sie eine Rückführung expansiver Fiskalpolitik vorsehen, de facto Verhalten im Sinne des Barro-Ricardo-Äquvivalenztheorems „simulieren“, wäre mit niedrigen Fiskalmultiplikatoren zu rechnen.
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Neokeynesianischer Ansatz
Ähnlich wie im neoklassischen Ansatz werden Angebot und Nachfrage dynamisch betrachtet, die Wirtschaftssubjekte optimieren bei rationalen Erwartungen vorausschauend, Arbeitsangebot und Kapitalakkumulation sind explizit modelliert.
Im Gegensatz zum neoklassischen Ansatz verhindern nominelle Rigiditäten (Preise, Löhne) und reale Rigiditäten (unvollkommener Wettbewerb) ständige Markträumung.
Diese Denkschule liefert die Basis der empirischen Modelle, die derzeit – State-of-the-Art – von IMF, EK, und Europäischer Zentralbank (EZB) zur Politikanalyse verwendet werden.
Die Wirkung des Fiskalmultiplikators wird wesentlich im Zusammenspiel mit der Geldpolitik bestimmt, wobei als „neutraler“ Benchmark meist eine sich an der Taylor-Regel (Taylor, J. B., Discretion versus Policy Rules in Practice, Carnegie-Rochester Conference Series on Public Policy, 39, (1993) 195-214) orientierende Geldpolitik dient.
Wird – abweichend von der Taylor-Regel – der Nominalzins durch zu expansive Geldpolitik konstant gehalten (d.h. der Realzins sinkt aufgrund steigender Preise), sind im Zuge der expansiven Fiskalpolitik Multiplikatoren um eins (bei nominellen Zinsen von bzw. nahe bei null sogar darüber) zu erwarten. Werden hingegen – im Sinne der Taylor-Regel – auch steigende Realzinsen zugelassen, sinkt der Multiplikator deutlich.
Entwickelt sich die Volkswirtschaft zusätzlich um ihr langfristiges Wachstumspotential, sind rasch negative Multiplikatoren möglich. Da diese Modelle Finanzmärkte nur unzureichend modellieren, berücksichtigen sie nicht die Folgen einer zu expansiven Geldpolitik auf die Entwicklung der Vermögenspreise (asset price bubble). Dieser Wirkungskanal sollte jedoch vor dem Hintergrund der (zu) expansiven Geldpolitik in den USA und deren Folgen für die internationalen Finanzmärkte, die als wesentlicher makroökonomischer Auslöser der gegenwärtigen Krise gelten, in der Wirtschaftspolitik nicht aus den Augen verloren werden.
Neben der Geldpolitik spielt für die Höhe des Fiskalmultiplikators der heterogen modellierte Haushaltssektor eine Rolle. Je höher der Anteil von „liquiditätsbeschränkten“ Haushalten (dh private Haushalte, deren Konsum primär durch das laufende Einkommen bestimmt wird), desto höher der Fiskalmultiplikator. Hinsichtlich der Erwartungsbildung lässt sich zeigen, dass der Fiskalmultiplikator umso höher wird, je stärker die Erwartungen vergangenheitsbezogen gebildet werden.
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korrespondierende Informationen und Dokumente

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Kann ein Staat sich kaputt sparen?
Alle von der Euro-Schuldenkrise betroffenen Staaten müssen sparen, Steuern erhöhen und hoffen damit besser Refinanzierungsbedingungen zu erreichen.
Der neue Vertrag, der zur Zeit verhandelt wird, verlangt von allen Eurostaaten eine Schuldenbremse nach deutschem Vorbild.
Aber könnte es nicht sein, dass sich durch Sparen die Lage sogar verschlimmert?
Viele Ökonomen warnen, dass eine exzessive Sparpolitik in eine erneute Rezession mündet, die dann ihrerseits zu einer höheren Schuldenquote führen könnte als zuvor. Während die Debatte darum immer heisser geführt wird, liefert der folgende Beitrag eine Prise abkühlende Wirtschaftslogik.
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Daniel Gros – Ökonomenstimme, 23.12.2011
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Teufelskreis
Eine Volkswirtschaft ist ein komplexes Gebilde und es ist völlig falsch, sie mit einem Privathaushalt oder einem Unternehmen zu vergleichen. Sie funktioniert eben anders. Das trifft auch auf die Sparpolitik zu.
Deshalb ist es völlig sinnlos, das Sparen der vorsichtigen Hausfrau auf die Wirtschafts- und Haushaltspolitik übertragen zu wollen. Dies zeugt nur entweder von einer ideologischen Verblendung oder einer gefährlichen Unwissenheit über das wahre Funktionieren einer Volkswirtschaft. Ist das Sparen in einem überschuldeten Privathaushalt oder Unternehmen absolut unausweichlich und hat es auch keinen direkten wesentlichen Einfluss auf die Einnahmen, so ist das bei Staaten völlig anders.
[…]
Die Wirtschaft bricht dann zusammen, was dazu beiträgt, das Steueraufkommen weiter zu verringern und das Defizit im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt zu erhöhen. Das ist der Teufelskreis der aktuellen harten Austeritätspolitik.
Diese Entwicklung ist vielen Volkswirtschaftlern seit Keynes gut bekannt. Auch der frühere IWF-Chef Jacques de Larosière setzt sich für einen Defizitabbau ein, der die Konjunktur wahrnimmt und nicht weiter verschlechtert. Viele Regierungschefs, Finanzminister und Kommissare der Eurozone scheinen diesen Tatbestand aber nicht verstehen zu wollen, obwohl er triste Realität geworden ist.
IWF warnt vor negativen Folgen
Es ist also schon bemerkenswert, dass gerade der Internationale Währungsfonds, der bei vergangenen Krisenbekämpfungen nicht immer geglänzt hat, in seinem letzten Jahresbericht über hohe Schulden und schwaches Wachstum die Gefahr des zu rapiden und brutalen Sparens hervorgehoben hat.
Der IWF warnt vor negativen Konsequenzen einer zu radikalen Sparpolitik für die Konjunktur und damit ebenfalls für alle Staatseinnahmen.
Der Fiskalmultiplikator erklärt nämlich, warum brutaler Defizitabbau eine Rezession verursacht, weiteren Defizitabbau noch schwieriger macht und dazu noch in der Volkswirtschaft tiefe strukturelle Schäden verursacht, wie z.B. Verarmung, massive Arbeitslosigkeit, insbesondere von jungen Menschen, Innovationsstopp, Schwächung des Bildungsniveaus usw., das heißt allgemein eine längerfristige strukturelle Schwächung des Wachstumspotenzials.
Der Fiskalmultiplikator, dessen Impakt von Volkswirtschaft zu Volkswirtschaft verschieden ist, müsste bei einer intelligenten Konsolidierungspolitik, die Wachstum nicht abwürgt, ernsthaft in Betracht gezogen werden.
Das ist in Europa auf Druck der Kommission und einiger Regierungen nicht der Fall. Europa schliddert also unaufhaltsam in die Rezession, obwohl nur höheres Wachstum die Probleme lösen würde. Der Zusammenhalt der Eurozone ist längerfristig nicht gesichert.
Der frühere EIB-Präsident Philippe Maystadt fordert deshalb zu Recht von der Kommission, auf einen gemäßigteren Defizitabbau umzusteigen. Es wird immer klarer, dass die strenge Austeritätspolitik ihr Ziel nicht erreichen wird.
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Nicolas Schmit [Minister für Arbeit und Beschäftigung, Luxemburg] – tageblatt.lu, 12.11.2012