Das Finanz-Orbit als kollektive Klapsmühle

Gedanken zum Tage

Die zunehmende Ausbreitung des Flächenbrandes wird seitens der Brandstifter mit immer dreister wirkenden Nebelkerzen kommentiert. Dabei rücken zwei Erkenntnisse deutlicher in den Vordergrund:

1. ES GILT DAS GEBROCHENE WORT
2. NICHT DAS ERREICHTE ZÄHLT, SONDERN DAS ERZÄHLTE REICHT


Bild: copyright by Markus Gaertner

Gastbeitrag von Markus Gaertner

[ Markus Gaertner ist freier Wirtschafts-Korrespondent mit Sitz in Vancouver und schreibt über Nordamerika für einige der führenden Publikationen in Deutschland, darunter das Manager Magazin, die Börsen-Zeitung und den Immobilien Manager. ]

Gespaltene Fed, Gerupfte BRICS, Genervte BIZ
Das Finanz-Orbit als kollektive Klapsmühle

Die vergangene Woche war ja schon spannend genug, und auch zum Staunen geeignet: Die Fed zu kurz gesprungen, die Konjunktur-Prognose für die USA gedrosselt, 15 Top-Banken abgestuft, ein Vierer-Gipfel in Rom mit einem getürkten Wachstums-Pakt- und Griechen, die noch Regierungen bilden können.

Doch diese Woche verspricht noch viel “besser” zu werden: Die Spitze der neuen Regierung in Athen meldet sich krank, Schäuble platzt die Griechen-Hutschnur, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich tritt den westlichen Regierungen mächtig in den Hintern, Kanadas Finanzminister geht so die Düse, dass er auf eine chinesische Feinsteuerung des aufgeblähten Immobilienmarktes umschaltet.

Mehr noch: Der Telegraph entdeckt plötzlich ganz neue Sympthien für die ständig ausgequetschten Deutschen (“Hunnen”), ein führender Morgan Stanley-Analyst interpretiert die globale Milliardärs-Liste als Konjunktur-Bremse, die Chinesen kaufen jetzt schon Teile des Flughafens von Manchester (wollt Ihr nicht auch die Wowereit-Ruine ?)- und die BRICS-Länder verlieren endgültig das Image, dass sie als globaler Wachstumstreiber “entkoppelt”, etwas ganz besonderes und für alle Zeiten nicht mehr zu schlagen sind.

Das ist – etwas launisch ausgedrückt – die Gefechtslage zu Beginn dieser neuen Woche. Willkommen im neuen Stadium des alten Chaos, in dem immer mehr scheinbar gewohnte Dinge auf dem Kopf stehen, selbst coole Kanadier die Nerven verlieren, stinkreiche Weltenbürger von ihren eigenen Stallgefährten zum Beweis für soziale Verrottung degradiert werden, und sich die fast aphatisch wirkende Gelassenheit von Chairman Bernanke als platte Tarnung gegen interne Tumulte in der größten Gelddruckerei der Welt entpuppt.

Hier kommen die Beweise, frisch aus der viel gescholtenen, aber anscheinend immer noch gelesenen Mainstream-Presse:

1 Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt in ihrem neuen Jahresbericht vor Zuständen wie nach dem Lehman-Kollaps.
Ein immer größerer Teil der Anlagebestände müsse als Sicherheit geboten werden, um noch Anleihen absetzen zu können.Weiterhin würden in der Erwartung, dass am Ende die Steuerzahler erneut einspringen, riskante Finanzgeschäfte getätigt. Nur ein beherzter Reformschub könne einen Durchbruch zur Besserung bringen. (Dabei sind die Kreditinstitute ja gerade dabei, die Basel III-Bestimmungen vor dem Inkraft treten am 1. Januar in einer vereinten Lobby-Massage aufzulockern.

2 Die US-Notenbank enttäuschte am vergangenen Mittwoch die Finanzmärkte. Zu große Erwartungen? Köcher leer? Pulver trocken halten bis Schlimmeres kommt?
All diese möglichen Erklärungen werden seit Tagen gewälzt und analysiert, weil die US-Geldhüter zwar die Konjunktur-Prognose deutlich drosselten, aber nicht den korrespondierenden Schritt zu QE3 wagten. Warum ist die Truppe von Ben Bernanke zu kurz gesprungen. Weil die Gouverneure und ihre intelligenten Flüsterer tief zerstritten sind, vermutet der Business Insider.

3 Griechenland und kein Ende. Wir wollen nicht an der Krankmeldung des neuen Ministerpräsidenten Antonis Samaras und des noch nicht eingeschworenen Finanzministers Vassilis Rapanos zweifeln. Doch die unendliche Geschichte geht damit in eine neue Runde. Für die Forderung nach neuen Verhandlungen und einer längeren Erfüllungsfrist für das zweite Rettungspaket haben die Kräfte der neuen Regierung noch gereicht. Dann kam der Schwächeanfall von Rapanos. Auch die Troika hat den in dieser Woche geplanten Besuch verständlicherweise erstmal abgesagt.

4 Ruchir Sharma, der Schwellenmarkt-Chef bei Morgan Stanley Investment Management, analysiert in der Washington Post die Liste der Milliardäre dieser Welt. Auf der Basis ihrer Häufung, Herkunft und ihrem kollektiven Vermögensanteil im jeweiligen Land kommt Sharma zu einem interessanten und erstaunlichen Befund: Wenn ein Land im Verhältnis zur Größe seiner Volkswirtschaft “zu viele” Superreiche produziert, kann das in die Stagnation führen. Das ist für mich der bislang originellste Ansatz, Chinas Konjunkturentwicklung zu beleuchten:

If a country is generating too many billionaires relative to the size of its economy, this concentration of wealth can lead to stagnation. Take China. A healthy economy produces great wealth in a competitive environment, and by that measure China, for example, is still strikingly healthy. Turnover among its top 10 billionaires is high, and few have ever amassed a fortune of more than $10 billion; indeed there is reason to believe Beijing is enforcing an unwritten rule that caps total wealth.

5 Typisch TELEGRAPH, könnte man meinen: Der Euro war eine miserable Idee, die Fiskalunion wäre aber ein ausgemachtes Desaster, schreibt die Zeitung. Der Autor, Liam Halligan, beschreibt zunächst den “Doom Loop” – die Armageddon-Spirale – in der die Eurozone steckt. Die einzig aussichtsreiche Möglichkeit, Angela Merkel zu viel weitreichenderen Finanzhilfen und Zusagen der Deutschen zu bewegen, so schreibt Halligan richtig, wäre, Berlin Kontrolle über die Ausgaben der Empfänger-Staaten zu geben. Doch das würde Bitterkeit quer durch Europa säen:

The euro was a very bad idea yet fiscal union is far worse. If attempted, if will fail, but not before it spreads bitterness across Europe. The idea of fiscal union is, anyway, nothing but a fig-leaf for yet more ECB money-printing – an action that would spark another asset price “sugar rush”, but do nothing to solve bank and sovereign insolvency, nor address the fundamental contradictions at the heart of the eurozone.

6 Wie die Wall Street von der Mafia lernte, beschreibt Matt Taibbi in seinem neuesten Stück im Rolling Stone. Taibbi berichtet von einem gerade abgeschlossenen Gerichtsverfahren in New York, in dem es um ein immenses Gaunerstück mit Kommunal-Anleihen in den USA ging. Die bösen Jungs im dem juristischen Drama manipulierten Auktionen für die öffentlichen Schuldtitel.

In fact, stripped of all the camouflaging financial verbiage, the crimes the defendants and their co-conspirators committed were virtually indistinguishable from the kind of thuggery practiced for decades by the Mafia, which has long made manipulation of public bids for things like garbage collection and construction contracts a cornerstone of its business.

7 Der Musterschüler fürchtet um seine angesehenen Finanzen. Kanadas Finanzminister Jim Flaherty will angesichts der heiß gelaufenen Immobilienmärkte in Städten wie Toronto und Vancouver die Hypotheken-Bestimmungen verschärfen, um eine gefährliche Kreditblase zu bändigen. Die 32 Millionen Kanadier zwischen Vancouver und Halifax haben die größte private Por-Kopf-Verschuldung in der OECD erreicht, vor allem wegen einer jahrelangen Rally am Immobilienmarkt. Nichts gelernt von den USA?

Die Regierung will nur noch Hypotheken mit bis zu 25 Jahre Laufzeit versichern, statt bisher 30 Jahre. Hauskäufer können zudem künftig nur noch Hypotheken von höchstens 80% des Hauspreises aufnehmen, anstatt bisher 85%. Die Maßnahmen in Ottawa erinnern mich an die Eingriffe Pekings in den chinesischen Immobilienmarkt. Überall nehmen die staatlichen Eingriffe zu, ohne dass entscheidende Reformen unternommen werden, um Übertreibungen und Betrug im Finanzsystem wirklich rabiat Einhalt zu gebieten.

8 Der GUARDIAN beschreibt am Beispiel Indiens, wie die Rezession in weiten Teilen Europas die BRICS in einen Strudel zieht und das langjährige Business-Modell der Schwellenländer – Wachstum vor allem auf dem Export-Ticket – durcheinander wirbelt. China versucht seit Jahren – vor allem im laufenden 5-Jahrplan bis 2015 – den Export durch den privaten Konsum als wichtigsten Treibriemen zu ersetzen. Doch diese Umstellung wird viele Jahre dauern.

Herzlichen Dank, lieber Markus, für diese fulminante Situationsbeschreibung, ein Lehrstück für alle Mietschreiber, wie professioneller Wirtschaftsjournalismus auszusehen hat.

An der Stelle noch ein kleiner Hinweis:
Der Blog von Markus Gaertner, aus dem der hier dargestellte Aufsatz entnommen ist, zählt aus meiner Sicht zu den wenigen, ernstzunehmenden alternativen Qualitäts-Medien, den ich gerne empfehle.

herzlichst
Ihr Oeconomicus


Basel III: Ein globaler Regulierungsrahmen für widerstandsfähigere Banken und Bankensysteme

Im öffentlichen Diskurs ranken sich zahlreiche Mythen und etliches Halbwissen um den Banken-Regulierungsrahmen „Basel III“.

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Der Hinweis auf die Veröffentlichung des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht soll dabei helfen, die vielfältigen Diskussionen zu versachlichen. 

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Dem interessierten Leserkreis wünsche ich bei dieser spannenden Lektüre einen nützlichen Erkenntnisgewinn.

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Ihr Oeconomicus

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Herausgeber: Basler Ausschuss für Bankenaufsicht

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© Bank für Internationalen Zahlungsausgleich 2010.

Alle Rechte vorbehalten. Kurze Auszüge dürfen – mit Quellenangabe – wiedergegeben oder übersetzt werden.

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Inhalt

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Abkürzungsverzeichnis

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Einleitung
1. Dieses Dokument stellt in Verbindung mit dem Papier Basel III: Internationale Rahmenvereinbarung über Messung, Standards und Überwachung in Bezug auf das Liquiditätsrisiko das Ergebnis der Reformbemühungen des Basler Ausschusses dar, die darauf abzielen, mit strengeren globalen Regeln für Eigenkapital und Liquidität die Widerstandsfähigkeit des Bankensektors zu stärken. Ziel der Reformen ist, die Resistenz des Bankensektors gegenüber Schocks aus Stresssituationen im Finanzsektor und in der Wirtschaft, unabhängig von ihrem Ursprung, zu verbessern und so die Gefahr zu verringern, dass sich Probleme im Finanzsektor auf die Realwirtschaft auswirken.
Dieses Dokument enthält den Wortlaut der Regelungen sowie zeitliche Vorgaben im Hinblick auf die Umsetzung der Rahmenvereinbarung Basel III.
[…]

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A. Verbesserung der globalen Eigenkapitalregelung
1. Verbesserung der Qualität, der Zusammensetzung und der Transparenz der Eigenkapitalbasis
2. Stärkung der Risikodeckung
3. Ergänzung der risikobasierten Eigenkapitalanforderung durch eine Höchstverschuldungsquote
4. Verringerung der Prozyklizität und Förderung antizyklischer Polster
Zyklizität der Mindestanforderung
Zukunftsgerichtete Risikovorsorge
Kapitalerhaltung
Übermässig hohes Kreditwachstum
5. Bekämpfung der Systemrisiken und Verflechtung

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B. Einführung eines globalen Liquiditätsstandards
1. Mindestliquiditätsquote (Liquidity Coverage Ratio, LCR)
2. Strukturelle Liquiditätsquote (Net Stable Funding Ratio, NSFR)
3. Überwachungsinstrumente

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C. Übergangsbestimmungen

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D. Anwendungsbereich
Teil 1: Mindestkapitalanforderungen und Kapitalpolster

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I. Definition des Eigenkapitals
A. Eigenkapitalkomponenten
Bestandteile
Ober- und Untergrenzen
B. Der Vorschlag im Einzelnen
1. Hartes Kernkapital
2. Zusätzliches Kernkapital
3. Ergänzendes Eigenkapital
4. Minderheitsbeteiligungen (kein beherrschender Einfluss) und sonstiges, von konsolidierten Tochtergesellschaften begebenes Kapital, das von Dritten gehalten wird
5. Regulatorische Anpassungen
6. Offenlegungsvorschriften
C. Übergangsbestimmungen

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II. Risikodeckung
A. Kontrahentenrisiko
1. Überarbeitete Messgrösse zur besseren Abbildung von Kontrahentenrisiko, Anpassung der Kreditbewertung und Korrelationsrisiko
2. Vermögenswertkorrelationsfaktor für grosse Finanzinstitute
3. Besicherte Kontrahenten und Nachschussrisikozeitraum
4. Zentrale Gegenparteien
5. Erweiterte Anforderungen im Kontrahentenrisikomanagement

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B. Begrenzung der Abhängigkeit von externen Kreditratings und Minimierung von „Klippeneffekten“
1. Standardisierte Anwendung abgeleiteter Ratings für langfristige Forderungen
2. Anreiz zur Vermeidung von Forderungsratings
3. Einbezug des IOSCO-Verhaltenskodex „Fundamentals for Credit Rating Agencies“
4. „Klippeneffekte“ aus Garantien und Kreditderivaten – Kreditrisikominderung (CRM)
5. Ratings ohne Auftrag („unsolicited ratings“) und Anerkennung von Ratingagenturen

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III. Kapitalerhaltungspolster
A. Bestmögliche Praxis zur Kapitalerhaltung
B. Das Rahmenkonzept
C. Übergangsbestimmungen

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IV. Antizyklisches Kapitalpolster
A. Einführung
B. Nationale Anforderungen für das antizyklische Kapitalpolster
C. Antizyklisches Kapitalpolster auf Bankebene
D. Erweiterung des Kapitalerhaltungspolsters
E. Häufigkeit der Berechnungen und der Offenlegung
F. Übergangsbestimmungen

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V. Höchstverschuldungsquote (Leverage Ratio)
A. Hintergrund und Zielsetzung
B. Definition und Berechnung der Höchstverschuldungsquote
1. Kapitalmessgrösse
2. Engagementmessgrösse
C. Übergangsbestimmungen

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Anhang 1: Kalibrierung der Eigenkapitalstandards
Anhang 2: Anrechnungslimit von 15% des harten Kernkapitals für bestimmte Positionen
Anhang 3: Beispiel zur Veranschaulichung der Handhabung von Minderheitsbeteiligungen
Anhang 4: Übergangsbestimmungen

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BIZ – PDF – [84 Seiten]