Wenn der Rubel rollt: Gedankenexperimente zu vermutlichen Wechselwirkungen einer US$-Abkehr bei Russlands Öl-und Gasexporten



Official rouble sign – Официальный знак рубля
gemeinfrei

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Einem Reuters-Bericht zufolge hat sich Wladimir Putin für eine  künftige Fakturierung russischer Öl- und Gasexporte in Rubel ausgesprochen:

„Russia should aim to sell its oil and gas for roubles globally because the dollar monopoly in energy trade was damaging Russia’s economy“

Ob es sich dabei um einen Testballon handelt, um herauszufinden, wie die Märkte auf eine Verschiebung der Währungsgleichgewichte reagieren könnten (ggfls. Rubel-Aufwertung), oder diese Äußerungen als Kampfansage gegen die Weltleitwährung zu bewerten sind, sei dahingestellt.

Jedenfalls ermuntert Putins Ansage, die wir in abgewandelter Form schon von Saddam Hussein oder Muammar Gaddafi hörten,  zu Gedanken-Experimenten hinsichtlich etwaiger Wechselwirkungen solcher Überlegungen, welche ggfls. auch in Peking gewisse Sympathien auslösen könnten.

Nach allgemeinem ökonomischem Konsens erfüllt eine Weltleitwährung -die nun von Putin möglicherweise infrage gestellt wird- mehrere Funktionen:

  1. Die internationalen Zentralbanken müssen sie als Reserve- und Interventionswährung verwenden
  2. Sie dient als Handelswährung, in der die wichtigsten Kontrakte privater Akteure denominiert werden
  3. Für Kapitalanleger ist sie ultimative Anlagewährung, in der eine Vielfalt von Anleihen emittiert und gehandelt wird.
  4. Darüber hinaus fungiert sie als Öl-Währung (vgl. Petrodollar), weil mit ihr der strategische Preis des Energie-Inputs von Industriegesellschaften bezahlt wird.

Werden nun Ölexporte signifikant über alternative, nationale Währungen und/oder via Bartergeschäfte abgerechnet, erscheint der Status des US$ als Weltreservewährung nachhaltig gefährdet, da u.a. bei den öl-exportierenden Staaten die Notwendigkeit entfiele, Dollar-Überschüsse (vorzugsweise in US-Treasury bills) zu reinvestieren.

Ein solches Szenario hätte schon beinahe zwangsläufig mehrere denkbare Konsequenzen:

  1. Portfolio-Anpassungen der internationalen Zentralbanken
  2. Schwächung der Funktion als Handelswährung
  3. Kapitalanlagen in alternative Anlageformen

Solche Wechselwirkungen vorausgesetzt, würden für FED/US Department of the Treasury die liebgewonnenen, süßen Seignorage-Effekte entfallen, womit sich in der Folge der äußere Geldwert des US$ möglicherweise in einer Abwertungsspirale wiederfinden könnte, während der innere US$-Geldwert stark inflationsgefährdet sein könnte.
Im Zuge einer solchen ‚Dollar-Inflation‘ könnten sich die Öl-Exporteure genötigt sehen, entweder Alternativen zur US$-Fakturierung zu entwickeln, oder massive Preiserhöhungen durchsetzen zu wollen.

Schlimmstenfalls könnten solche Szenarien -möglicherweise gepaart mit Anlagealternativen im Yuan oder Euro- eine massive Kapitalflucht aus dem US$ auslösen und die permanenten und erheblichen strukturellen Defizite in der US-Leistungsbilanz und im Staatshaushalt, welche bislang durch US$-Überschüsse exportierender Staaten quasi refinanziert wurden,  in den Fokus jeder Anlageentscheidung rücken.

Wie beim kalten Entzug eines Drogenabhängigen könnte die US-Regierung durch ein abebben oder gar ausbleiben ausländischer Dollar-Re-Investments erstmals gezwungen sein, äußerst schmerzhafte Strukturanpassungsmaßnahmen durchzuführen, deren Folgen bspw. in den Club-Med-Staaten anschaulich ablesbar sind.

Solche währungspolitischen Verwerfungen hätten zwangsläufig entsprechende Gegenmaßnahmen der US-Regierung zur Folge, welche im günstigsten Fall zu einer Neuauflage von Bretton Woods führen könnte.

Korrespondierende Diskussionsbeiträge, Fragen, Anregungen und gerne auch kritische Stimmen sind durchaus erwünscht und herzlich willkommen.

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Ihr Oeconomicus

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CROSSPOST MIT KOMMENTAREN: GEOLITICO

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Lars Schall: Die Woche im Rückspiegel betrachtet


16 Kommentare on “Wenn der Rubel rollt: Gedankenexperimente zu vermutlichen Wechselwirkungen einer US$-Abkehr bei Russlands Öl-und Gasexporten”

  1. Die US Finanzoligarchen haben über den Futureshandel die komplette Kontrolle über Börsenindices (auch den DAX), Währungen, alle großen westlichen Rentenmärkte. und Commodities einschließlich Gold in der Hand. Wer gegen diese System antritt, braucht einen klugen Plan, ein erreichbares Ziel, gute Taktik und Strategie und viel Zeit und Geduld. Es würde die Welt verändern…und Amerikaner sind weder gute Verlierer noch würden vor einem epochalen Weltkrieg zurückscheuen.

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  2. almabu sagt:

    Am Anfang des obigen Filmes steht, dass es sich um eine Ankündigung für den Zeitraum bis 2020 handelt, wie dies sehr oft bei russischen Rüstungsinformationen der Fall ist. Man kündigt für das nächste Jahrzehnt eine zahlen- und effektivitätsmäßig große Aufrüstung an. Der Haken daran ist, man könnte Ernst genommen werden und der einzige potentielle Gegner Russlands, das Imperium der USA, könnte versucht sein, diese Aufrüstung nicht in Ruhe abzuwarten, sondern zuzuschlagen solange die russische Ankündigung noch nicht völlig vollzogen ist?

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  3. almabu sagt:

    Nach einem Erstschlag der NATO bliebe von den oben gezeigten Wunderwaffen kaum etwas übrig. Der noch unvollständige Raketenabwehrgürtel gegen einen russischen Zweitschlag setzt per Definition einen US-Erstschlag voraus. Warum beruhigt mich das jetzt nicht und warum macht das die Welt nicht sicherer?

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  4. Frieden sagt:

    Ohne die Leitwährung Dollar ist die USA eher pleite. Fragt sich nur, ob die US-ELITE dies einfach so akzeptieren wird. Ihre Raketenabwehr zielt darauf, die Zweitschlagkapazität der Russen auszuschalten…..

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    • Oeconomicus sagt:

      „Zweitschlagkapazität“

      … das wäre allerdings kein Spaziergang

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      • Wieksne sagt:

        Das ist endlich eine klare Ansage gegen das Rockefeller Imperium mit seinen lausigen atlantischen Werkzeugen und zugleich eine Ohrfeige für die Überheblichkeit einer mitschwimmenden NATO. Nichts dazugelernt im europäischen Weltmachtstraum gemäß der Mahantheorie des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Der ausgediente und ehemalige deutsche Bundeskanzler und deutche Offizier H. Schmidt hatte tatsächlich Recht mit der Abschreckungstheorie (Doppelraketenbeschluss).
        KK aD Wieksne

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  5. […] etwaigen Fakturierung russischer Öl- und Gasexporte in Rubel gibt es ferner hier ein paar “Gedanken-Experimente hinsichtlich etwaiger Wechselwirkungen solcher Überlegungen, […]

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  6. 0177translator sagt:

    Eine Neuauflage von Bretton Woods? Wie sollen die Amerikaner das denn machen, wo sie kein Gold mehr haben? Das haben doch jetzt Rußland, Indien, Iran und China.

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    • Oeconomicus sagt:

      Besten Dank für die Nachfrage.
      Der Begriff ‚Bretton Woods‘ war nicht physisch, sondern symbolisch gemeint.

      zu den Goldbeständen:
      Gegenwärtig fehlt mir die Überzeugung, dass Gold der einzige Baustein eines neuen Weltwährungs-System sein könnte.
      Aber, um solche Überlegungen zu vertiefen, ist es m.E. ohnehin noch viel zu früh.

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      • Gloeckl Rainer Dipl.-Betrw sagt:

        Gold lässt sich auch verbriefen, also Papiergold und wie ein Ponzi- Schema mehrfach. Das gilt grundsätzlich für jedes Zahlungsmittel als Instrument.

        Mein Vorschlag: wir folgen Karl Valentin. Montags gehört das Gold oder Zahlungsmittel den Banken, Dienstags gehört das Gold oder Zahlungsmittel den Spekulanten, Mittwochs gehört das Gold oder Zahlungsmittel den Beamten, ….

        Das lässt sich optimieren, zum 7 milliardstel Bruchteil einer zehntel Sekunde gehört es der Reihe nach allen Menschen, die Darstellung für das wird so gestaltet, dass das virtuelle Gold scheinbar ständig auf der Anzeige erscheint. So haben alle alles Gold gleichzeitig.

        Da ja Gold in aller Regel in den Tresoren vor sich hin schlummert bemerkt das niemand.

        Juhu, alle werden Reich!

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  7. Russland ist das einzige Land, auf dieser Erde, das Vorpreschen kann, weil es über eine Glaubhafte Zweitschlag-Kapazität verfügt, also musste es vorangehen.. die den Ländern IRAN, IRAK, Libyen und Syrien, nicht zur Verfügung stand.
    Darauf das Russland vorprescht, wartete die Weltgemeinschaft schon lange. Das ist das Ende der unilateralen Welt, des GB / US Faschismus!
    Nun beginnt eine Multilaterale Welt, wo wieder in reale Wirtschaft und in handfeste Projekte Investiert wird und nicht in BLASEN. Man schaue sich nur an, wie sich um die BRICS Staaten, immer mehr Staaten Scharren.
    China schlägt z.B. vor, alle Kontinente, mit Hoch-Geschwindigkeits-Bahnlinien, zu Überziehen und auch die Kontinente zu Verbinden. Russland schlägt das gleiche für Energie Pipelines vor.
    China baut mit Nicaragua, einen neuen größeren Kanal, zwischen Pazifik und Atlantik.
    Russland hilft Ägypten dabei, den Suezkanal zu vergrößern und zu modernisieren.
    Zwischen Duisburg und China verkehren pro Woche zwei Güterzüge im Pendelverkehr.
    Wie lange kann die US Besatzungsmacht noch verbieten, dass Deutschland, auf das Chinesisch-Russische Angebot zum Bau einer Magnetbahnstrecke für Güter und Personen eingeht?
    Das einzige was es derzeit zu verhindern gilt, ist das der GB/US-Faschismus zu einer ultimativen Lösung seiner Probleme greift. Nach dem Motto: Wenn ihr euch nicht von uns beherrschen lasst, habt ihr keine Existenzberechtigung!

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  8. almabu sagt:

    Wenn man nun globalen Wirtschaftswettbewerb als letztlich kriegerischen Akt betrachtet, wie DSK dies jüngst tat, dann ist auch schnell klar, dass sich die USA in der Konsequenz keine Abweichung von ihrem Schema bieten lassen werden, bzw. dies militärisch zu verhindern suchen. Wer nun darauf verweist, dass die USA immer schlecht aussehen in ihren Kriegen, der muss sich fragen lassen, was das eigentliche Ziel des „regime change“ war? Wenn das Ziel letztlich „failed states“ sind, dann sind die Amis durchaus erfolgreich mit ihren Kriegen…

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  9. almabu sagt:

    Als die Europäer (genauer gesagt die Niederländer) einst den Indianern Manhattan für einige Glasperlen abluchsten, da wurde ein Spiel initiiert, das heute anders herum funktioniert: Die USA bedrucken kleine Papierfetzen für die die Welt Waren und Dienstleistungen liefert. Das ist die Rache der Indianern an den Niederländern;-))

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