Moldawien – Zwischen den Welten


Moldawien ist das unbekannteste Land Europas, mit der geringsten Anzahl an Touristen, das ärmste Land Europas. Ein Land, eingepfercht zwischen Rumänien und der Ukraine, mit einer umstrittenen nationalen Identität, in dem viele Sprachen gesprochen werden:
Moldawisch, Russisch, Bulgarisch, Ukrainisch, Rumänisch. In der Vergangenheit war Moldawien Teil großer Imperien:
der Türken, der Russen, der Sowjets.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wurde Moldawien unabhängig und ist seitdem auf der Suche nach Orientierung.

Moldawien war der Garten der Sowjetunion, hier wurde Weinbau und Landwirtschaft für 293 Millionen Sowjetbürger betrieben. Mit dem Ende der Sowjetunion brachen die landwirtschaftliche Produktion und die Industrie zusammen. Millionen Menschen verließen das Land, um als legale oder illegale Arbeitskräfte im Ausland ihren Unterhalt zu verdienen.

Die Band Zdob si Zdub ist Moldawiens Kulturexport Nr. 1, ihre Hits sind bekannt von Bukarest bis Vladivostock:

„Unsere Songs sind auch Protest gegen die Dinge, die in unserem Land passieren. Wir sind eine positive Nation, eine friedliche Nation, aber wir müssen für unser Land kämpfen und hart arbeiten, wir müssen im Ausland arbeiten, um unsere Familien versorgen zu können!“

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde das Land unabhängig, und es begann der Richtungskampf um die Zukunft des Landes. Während ein Großteil der rumänischsprechenden Mehrheit eine Wiedervereinigung mit Rumänien anstrebte, sprachen sich die nationalen Minderheiten und die kommunistische Partei für die Unabhängigkeit aus, die 1994 in einem Referendum bestätigt wurde. Moldawien befindet sich zwischen zwei Welten: EU-ropa auf der einen Seite und Russland auf der anderen.

Trotz großer politischer und ökonomischer Schwierigkeiten versuchten die Moldawier weiterzumachen wie zuvor: sie produzierten ihren süßen Wein, exportierten ihn nach Russland und hofften auf eine Verbesserung ihrer Situation – eine Illusion.
Bis 2006 war Russland der größte Markt für Moldawiens wichtigstes Export-Produkt, dem Wein. Dann verhängte Vladmir Putin ein Weinembargo, um das Land für seine Unabhängigkeit zu bestrafen. Ein vernichtender Schlag für die Wirtschaft des Landes. Der Wein blieb in den Lagern, Tausende verloren ihre Arbeit, viele Weinbetriebe mussten zusperren. Von diesem Embargo hat sich die Wirtschaft des Landes bis heute nicht erholt.

Aber es gibt noch ein größeres Problem:
nach der Auflösung der Kolchosen wurde das Agrarland in kleine Parzellen aufgeteilt und an die Bauern übergeben. Diese hatten aber kein Kapital um Maschinen zu kaufen und das Land zu bewirtschaften. So wurde aus der Kornkammer der Sowjetunion ein Land von Subsistenzbauern:
Eselskarren bestellen die Felder, und wenn die wenigen zentralen Dorfbrunnen auch noch austrocknen, gefährdet das nicht nur die Ernte.

Vladimir Voronin, Vorsitzender der kommunistischen Partei, der von 2001 bis 2011 das Land regierte:

„Als ich 2001 die Macht übernahm, war das BIP des Landes bei 46% jenes BIP von 1990. Wir haben das BIP auf 56% gehoben, haben aber unser Ziel knapp verfehlt, es auf das Niveau während der Sowjetzeiten zu bringen.“

Die Menschen im ländlichen Moldawien mussten sich anderswo um Arbeit umsehen.

Viele gingen ins Ausland – manche legal, viele illegal. Für die ländlichen Regionen in Moldawien eine schwierige Situation:
viele Menschen im arbeitsfähigen Alter wandern aus, in den Dörfern bleiben die Kinder und die Alten zurück. Wie im Dorf Sarateni. Die Direktorin der Dorfschule erklärt:

„Früher hatten wir 900 Kinder in der Schule, jetzt sind es nur noch 411. Mehr als 100 Kinder haben Eltern im Ausland, entweder ein Elternteil oder sogar beide.“

Die Großmutter Ecaterina hat vier Kinder und alle sind im Ausland – während sie im Dorf alle Enkelkinder aufgezogen hat. Jetzt wohnen noch zwei Enkel bei ihr, die ihren Vater noch nie gesehen haben, weil dieser illegal im Ausland arbeitet.

Die schwierige soziale Situation führte 2009 zu Unruhen nach den Parlamentswahlen, die zum dritten Mal in Folge von den Kommunisten gewonnen
wurden. Tausende Demonstranten gingen auf die Straßen. Der Journalist Oleg Brega, der bei den Demonstrationen filmte, sagt:

„Die Menschen waren müde von den selben korrupten und arroganten Politikern regiert zu werden, die ihre politischen Rechte beschränkten. Aus diesem Grund brachen im April 2009 nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse Unruhen aus, als die Menschen sahen, dass wieder die selben Leute gewonnen hatten.“

Demonstranten stürmten das Parlament, das danach ausbrannte. Aufgrund der gewalttätigen Proteste kam es kurz darauf zu Neuwahlen, bei denen die bislang herrschende kommunistische Partei von der „Allianz für Europa“ abgelöst wurde. Ab jetzt war die Annäherung an die EU die wichtigste Priorität der Regierung.

Die EU stellte allerdings einen Maßnahmenkatalog auf, darunter auch die Einführung von Anti-Diskriminationsgesetzen von sexuellen Minderheiten. Diese Gesetze werden von den konservativen Teilen der Gesellschaft aufs Schärfste bekämpft, vor allem von der orthodoxen Kirche, die großen Einfluss auf die moldawische Gesellschaft besitzt.

An der Grenze zu Russland wurde 1992 nach einem kurzen Krieg ein eigener Staat im Staat gebildet: Transnistrien.
Die abtrünnige Provinz hat ein eigenes Militär, eine eigene Währung, eigene Regierungsinstitutionen inklusive Aussenministerium, wird aber international von niemandem anerkannt – auch nicht von Russland, an das die Wiederanbindung gewünscht wird. Transnistrien gilt als das letzte Bollwerk der Sowjetzeit – die Hauptstadt Tiraspol ist ein lebendes Museum des Kommunismus, hier gibt es die letzten Leninmonumente zu bestaunen.

Moldawien ist in einem schwierigen Loslösungsprozess von einer mit der Sowjetunion verknüpften Erinnerung an eine Vergangenheit mit freiem Zugang zu
Strom und Gas und florierenden Kolchosen. Heute strebt es nach dem Aufbau einer demokratischen Gesellschaft, in der Arbeitslosigkeit nicht mehr derart existenzbedrohend ist, dass ein Drittel der Moldawier außerhalb des Landes einer Arbeit nachgehen muss. Die zentralen Hoffnungsträger sind neue wirtschaftliche Verknüpfungen, der visafreie Zugang zur EU und die Verschiebung der EU Aussengrenze.

Quelle:
Pressemappe Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH

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