Der folgenschwere Irrtum der Euroretter – Politik und Medien abgetaucht!


Der folgenschwere Irrtum der Euroretter – Politik und Medien abgetaucht!

Im gerade veröffentlichten IMF ‚Working Paper“ WP/13/1 mit dem für ökonomisch nicht vorbelastete Menschen harmlos klingenden Titel „GROWTH FORECAST ERRORS AND FISCAL MULTIPLIERS“ offenbart der weltweit geachtete Chef-Ökonom des IMF, Olivier Blanchart seine volkswirtschaftliche Inkompetenz.
Man habe bei den bisherigen Prognosen einen zu niedrigen „Fiskalmultiplikator“ angenommen, so Blanchart’s erbärmliches Geständnis.
Bereits im Oktober letzten Jahres sorgte der IMF für Aufregung, als er in einer Randnotiz anmerkte, dass die negativen ökonomischen Auswirkungen staatlicher Ausgabenkürzungen falsch eingeschätzt sein könnten.
Diese Granaten-Nachricht wird bislang weder von unseren Qualitätsmedien, noch den politischen SchwergeWICHTEN und schon gar nicht von den Worthülsen-Weitwerfern des Sachverständigen-Rates der Bundesregierung aufgegriffen.
Lobenswerterweise hat sich Jens Berger mit der Materie recht sachkundig auseinandergesetzt, seine Bewertung findet sich bei den Kollegen der Nachdenkseiten.
Aus Zeitgründen habe das in Rede stehende Working Paper zunächst überflogen, werde nach genauer Analyse sehr gerne darauf zurückkommen.

Ihr Oeconomicus

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aktueller Aufsatz von Robert Misik
1/2013 – die Woche, in der Währungsfonds und EU neoliberale Weisheiten zertrümmerten!
misik.at, sehr empfehlenswert!
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Der Fiskalmultiplikator

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Eine Bewertung von Mag. Peter Brandner [Fachexperte für empirische Wirtschafts- und Finanzmarktforschung
im Bundesministerium für Finanzen in Wien]
Auszug aus seinem Aufsatz „Fiskalpolitik in der Krise“ – PDF [25 Seiten], veröffentlicht bei Wirtschaftspolitische Blätter, 2/2010 – 57. Jahrgang
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Fiskalmultiplikator
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Keynesianischer Ansatz
Im Rahmen der keynesianschen Denkschule konzentrieren sich die wirtschaftspolitischen Überlegungen auf die kurze Frist. Dem zu Folge bestimmt die
(effektive) Nachfrage die gesamtwirtschaftliche Leistung (BIP), rigide Preise und unterausgelastete Kapazitäten sind u.a. wesentliche Annahmen.
In einem derartigen Modellrahmen führt eine expansive Fiskalpolitik (z.B. Steuersenkung, Transfererhöhung) zu höherem Konsum und zu höheren Investitionen, wobei eine Staatsausgabenerhöhung einen größeren Effekt auf die Nachfrage ausübt als eine Steuersenkung.
Der Fiskalmultiplikator ist in diesem simplen Modell (einer geschlossenen Volkswirtschaft) größer als eins. Werden die höheren Staatsausgaben durch eine Steuererhöhung finanziert, dann ist der „Balanced Budget“ Multiplikator exakt eins.
Erweiterungen dieses simplen Modells zum IS-LM Modell, in dem auch Zinsänderungen zugelassen werden bzw Geldpolitik möglich wird, führen zu „Crowding-out“, d.h. private Nachfrage wird durch staatliche Nachfrage (teilweise) verdrängt/substituiert.
Der Fiskalmultiplikator wird dadurch kleiner, bleibt aber positiv.
In dem Modell einer offenen Volkswirtschaft spielen zusätzlich das Wechselkursregime bzw der Grad der Kapitalmobilität und die Importneigung der Volkswirtschaft eine Rolle. So führen in diesen Modellen vollständige Kapitalmobilität und flexible Wechselkurse zu vollständigem Crowding-out, d.h. die Fiskalpolitik wäre ineffektiv, der Fiskalmultiplikator null.
Werden in diesem Modellrahmen auch Vermögenseffekte zugelassen (d.h. der Konsum hängt auch vom Finanzvermögen ab), so senkt dies den Fiskalmultiplikator, ebenso, wenn Preise flexibel reagieren können.
Allen Modellen dieser Denkschule ist jedoch gemein, dass sie die intertemporale Budgetbeschränkung außer Acht lassen, der eine Regierung, die eine untragbare Schuldenentwicklung ausschließen möchte, unterworfen ist.
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Neoklassischer Ansatz
Die neoklassische Denkschule bedient eher mittel- bis langfristige wirtschaftspolitische Überlegungen. Im Rahmen der Dynamik dieser Modelle spielt die intertemporale Budgetbeschränkung eine wichtige Rolle. Die Kapazitäten sind ausgelastet (und kurzfristig fix), die Preise (voll) flexibel, so dass auch kurzfristig die Märkte immer geräumt sind. Dem zu Folge bestimmt das aggregierte Angebot die gesamtwirtschaftliche Leistung, expansive Fiskalpolitik führt zu vollständigem „Crowding-out“, sofern nicht durch angebotsseitige Effekte etwa Kapazitäten erweitert werden.
Der durch die Fiskalpolitik induzierte Vermögenseffekt spielt in der Wirkungsweise dieser Modelle eine wesentliche Rolle, der negative Effekt auf die
Wirtschaftsleistung ist bei einer permanenten Erhöhung der Staatsausgaben höher als bei einer temporären (Baxter, M./King, R. G., Fiscal Policy in General Equilibrium, American Economic Review 83, (1993) 315–334).
Modellerweiterungen lassen durchaus positive Multiplikatoren zu. Ausgaben für öffentliche Güter, die positive Externalitäten aufweisen, führen zu höherem Wachstum, wie umgekehrt auch die Rückführung von Ausgabenkategorien, die mit keinen bzw negativen Externalitäten verbunden sind, wachstumsfördernd ist. Die Senkung von Steuern auf Arbeitseinkommen wirkt positiv auf das Arbeitsangebot, niedrigere Kapitalsteuern wirken auf die Spar- und Investitionsentscheidung und forcieren die Kapitalakkumulation.
Der Erwartungsbildung kommt in dieser Denkschule große Bedeutung zu, zumal die Konsumentscheidung nicht vom aktuellen, sondern vom erwarteten Lebenseinkommen abhängt. Da in diesen Modellrahmen „rationale Erwartungen“ (d.h. die Wirtschaftssubjekte machen – anders als in der klassischen keynesianischen Denkschule, wo statische oder adaptive Erwartungen unterstellt werden – keine systematischen Prognosefehler) eine zentrale Rolle spielen, können potentiell langfristige Effekte bereits in der kurzen Frist wirken. Auch die Unterscheidung zwischen temporären und permanenten Maßnahmen spielt für die Höhe des Fiskalmultiplikators eine Rolle.
In einem Modellansatz dieser Denkschule ist das Barro-Ricardo-Äquvivalenztheorem formuliert. Unter bestimmten (restriktiven) Annahmen ist es unerheblich, ob die Staatsausgaben durch Steuern oder Schulden finanziert werden (Barro, R. J., Are Government Bonds Net Wealth? Journal of Political Economy, 82, (1974) 1095–1117).
Schuldenfinanzierte Steuersenkungen sind wirkungslos, da sich öffentliches und privates Sparen gegensätzlich im selben Ausmaß entwickeln, der „Balanced
Budget“-Multiplikator somit exakt null ist. Durch Änderung einiger Annahmen (z.B. proportionale/progressive Steuern) und deren Wirkungen auf Arbeitsangebot, (permanentes) Einkommen und Konsum sowie Kapitalakkumulation können positive wie negative Multiplikatoren resultieren.
Ein wesentlicher Mechanismus für das Neutralitätsergebnis ist die Erwartungsbildung im Zusammenspiel mit der intertemporalen Budgetbeschränkung.
Wenn fiskalpolitische Regeln dadurch, dass sie eine Rückführung expansiver Fiskalpolitik vorsehen, de facto Verhalten im Sinne des Barro-Ricardo-Äquvivalenztheorems „simulieren“, wäre mit niedrigen Fiskalmultiplikatoren zu rechnen.
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Neokeynesianischer Ansatz
Ähnlich wie im neoklassischen Ansatz werden Angebot und Nachfrage dynamisch betrachtet, die Wirtschaftssubjekte optimieren bei rationalen Erwartungen vorausschauend, Arbeitsangebot und Kapitalakkumulation sind explizit modelliert.
Im Gegensatz zum neoklassischen Ansatz verhindern nominelle Rigiditäten (Preise, Löhne) und reale Rigiditäten (unvollkommener Wettbewerb) ständige Markträumung.
Diese Denkschule liefert die Basis der empirischen Modelle, die derzeit – State-of-the-Art – von IMF, EK, und Europäischer Zentralbank (EZB) zur Politikanalyse verwendet werden.
Die Wirkung des Fiskalmultiplikators wird wesentlich im Zusammenspiel mit der Geldpolitik bestimmt, wobei als „neutraler“ Benchmark meist eine sich an der Taylor-Regel (Taylor, J. B., Discretion versus Policy Rules in Practice, Carnegie-Rochester Conference Series on Public Policy, 39, (1993) 195-214) orientierende Geldpolitik dient.
Wird – abweichend von der Taylor-Regel – der Nominalzins durch zu expansive Geldpolitik konstant gehalten (d.h. der Realzins sinkt aufgrund steigender Preise), sind im Zuge der expansiven Fiskalpolitik Multiplikatoren um eins (bei nominellen Zinsen von bzw. nahe bei null sogar darüber) zu erwarten. Werden hingegen – im Sinne der Taylor-Regel – auch steigende Realzinsen zugelassen, sinkt der Multiplikator deutlich.
Entwickelt sich die Volkswirtschaft zusätzlich um ihr langfristiges Wachstumspotential, sind rasch negative Multiplikatoren möglich. Da diese Modelle Finanzmärkte nur unzureichend modellieren, berücksichtigen sie nicht die Folgen einer zu expansiven Geldpolitik auf die Entwicklung der Vermögenspreise (asset price bubble). Dieser Wirkungskanal sollte jedoch vor dem Hintergrund der (zu) expansiven Geldpolitik in den USA und deren Folgen für die internationalen Finanzmärkte, die als wesentlicher makroökonomischer Auslöser der gegenwärtigen Krise gelten, in der Wirtschaftspolitik nicht aus den Augen verloren werden.
Neben der Geldpolitik spielt für die Höhe des Fiskalmultiplikators der heterogen modellierte Haushaltssektor eine Rolle. Je höher der Anteil von „liquiditätsbeschränkten“ Haushalten (dh private Haushalte, deren Konsum primär durch das laufende Einkommen bestimmt wird), desto höher der Fiskalmultiplikator. Hinsichtlich der Erwartungsbildung lässt sich zeigen, dass der Fiskalmultiplikator umso höher wird, je stärker die Erwartungen vergangenheitsbezogen gebildet werden.
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korrespondierende Informationen und Dokumente

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Kann ein Staat sich kaputt sparen?
Alle von der Euro-Schuldenkrise betroffenen Staaten müssen sparen, Steuern erhöhen und hoffen damit besser Refinanzierungsbedingungen zu erreichen.
Der neue Vertrag, der zur Zeit verhandelt wird, verlangt von allen Eurostaaten eine Schuldenbremse nach deutschem Vorbild.
Aber könnte es nicht sein, dass sich durch Sparen die Lage sogar verschlimmert?
Viele Ökonomen warnen, dass eine exzessive Sparpolitik in eine erneute Rezession mündet, die dann ihrerseits zu einer höheren Schuldenquote führen könnte als zuvor. Während die Debatte darum immer heisser geführt wird, liefert der folgende Beitrag eine Prise abkühlende Wirtschaftslogik.
[…]
Daniel Gros – Ökonomenstimme, 23.12.2011
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Teufelskreis
Eine Volkswirtschaft ist ein komplexes Gebilde und es ist völlig falsch, sie mit einem Privathaushalt oder einem Unternehmen zu vergleichen. Sie funktioniert eben anders. Das trifft auch auf die Sparpolitik zu.
Deshalb ist es völlig sinnlos, das Sparen der vorsichtigen Hausfrau auf die Wirtschafts- und Haushaltspolitik übertragen zu wollen. Dies zeugt nur entweder von einer ideologischen Verblendung oder einer gefährlichen Unwissenheit über das wahre Funktionieren einer Volkswirtschaft. Ist das Sparen in einem überschuldeten Privathaushalt oder Unternehmen absolut unausweichlich und hat es auch keinen direkten wesentlichen Einfluss auf die Einnahmen, so ist das bei Staaten völlig anders.
[…]
Die Wirtschaft bricht dann zusammen, was dazu beiträgt, das Steueraufkommen weiter zu verringern und das Defizit im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt zu erhöhen. Das ist der Teufelskreis der aktuellen harten Austeritätspolitik.
Diese Entwicklung ist vielen Volkswirtschaftlern seit Keynes gut bekannt. Auch der frühere IWF-Chef Jacques de Larosière setzt sich für einen Defizitabbau ein, der die Konjunktur wahrnimmt und nicht weiter verschlechtert. Viele Regierungschefs, Finanzminister und Kommissare der Eurozone scheinen diesen Tatbestand aber nicht verstehen zu wollen, obwohl er triste Realität geworden ist.
IWF warnt vor negativen Folgen
Es ist also schon bemerkenswert, dass gerade der Internationale Währungsfonds, der bei vergangenen Krisenbekämpfungen nicht immer geglänzt hat, in seinem letzten Jahresbericht über hohe Schulden und schwaches Wachstum die Gefahr des zu rapiden und brutalen Sparens hervorgehoben hat.
Der IWF warnt vor negativen Konsequenzen einer zu radikalen Sparpolitik für die Konjunktur und damit ebenfalls für alle Staatseinnahmen.
Der Fiskalmultiplikator erklärt nämlich, warum brutaler Defizitabbau eine Rezession verursacht, weiteren Defizitabbau noch schwieriger macht und dazu noch in der Volkswirtschaft tiefe strukturelle Schäden verursacht, wie z.B. Verarmung, massive Arbeitslosigkeit, insbesondere von jungen Menschen, Innovationsstopp, Schwächung des Bildungsniveaus usw., das heißt allgemein eine längerfristige strukturelle Schwächung des Wachstumspotenzials.
Der Fiskalmultiplikator, dessen Impakt von Volkswirtschaft zu Volkswirtschaft verschieden ist, müsste bei einer intelligenten Konsolidierungspolitik, die Wachstum nicht abwürgt, ernsthaft in Betracht gezogen werden.
Das ist in Europa auf Druck der Kommission und einiger Regierungen nicht der Fall. Europa schliddert also unaufhaltsam in die Rezession, obwohl nur höheres Wachstum die Probleme lösen würde. Der Zusammenhalt der Eurozone ist längerfristig nicht gesichert.
Der frühere EIB-Präsident Philippe Maystadt fordert deshalb zu Recht von der Kommission, auf einen gemäßigteren Defizitabbau umzusteigen. Es wird immer klarer, dass die strenge Austeritätspolitik ihr Ziel nicht erreichen wird.
[…]
Nicolas Schmit [Minister für Arbeit und Beschäftigung, Luxemburg] – tageblatt.lu, 12.11.2012

4 Kommentare on “Der folgenschwere Irrtum der Euroretter – Politik und Medien abgetaucht!”

  1. DividendenJaeger sagt:

    Genau, der Zahltag kommt in Form von Abgabenerhöhungen und Senkung der Sozialleistungen. Kann man gerade schön in Griechenland sehen. In den USA läuft es auch nicht anders.

    Warum der neoliberale Erguss zur dauerhaften Problemlösung (von wegen Kosten senken, Innovativer werden usw.) nicht taugt, kann man sich schnell zusammenreimen. Wenn man Überschüsse erwirtschaften und ansparen will, braucht man jemanden, der bereit ist neue Schulden einzugehen. Erwirtschaftet man als Nation Überschüsse, hat man das Problem der Überschuldung für eine Weile auf andere abgewälzt. Sind die dann pleite, kann man seine Ansprüche in den Wind schießen, hat Überkapazitäten und keine Abnehmer mehr dafür. Die Pleities haben dann eine Weile auf Kosten der anderen gelebt. Ein Ansatz zur Problemlösung muss daher sein, langfristig zu ausgeglichenen Salden zwischen den Nationen zu kommen und letztendlich auch mikroökonomisch.

    Wenn die Bundesbürger der Finanzierung der Südschiene über das Target2 System entgehen wollten, müssten sie ihr Geld bei der Bank abheben und bei einer ausländischen einzahlen, die nicht zum Eurosystem gehört.
    Dann hätte die Bundesbank auch keine Einlagen der Geschäftsbanken die wiederum von ihren Kunden stammen, die die BB über Target 2 verleihen muss, ob sie will oder nicht. Sind die Südstaaten erst pleite, sind ein Teil der Einlagen (aktuell 655 Mrd. €) der Deutschen weg.

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    • Oeconomicus sagt:

      Die Groteske um die 1 Billion $ Coin geht weiter.
      Wie Bloomberg vermeldete, sei das Thema vom Tisch, Treasury und Fed wollen die Münze nicht.
      Der republikanische Kongressabgeordnete Greg Walden will ein Gesetz einbringen, welches die Prägung der Trillion-Dollar-Coin verbieten soll.

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  2. Oeconomicus sagt:

    Werter Kommentator,

    besten Dank für Ihre Einschätzung.

    Im Zusammenhang mit der ersten Blanchard-Beichte möchte ich einen Kommentar von Prof. Ekkehard Wenger [Universität Würzburg Lehrstuhl für Bank- und Kreditwirtschaft] zur Kenntnis bringen, der an Aktualität nichts eingebüßt hat:

    „Was wird uns denn hier wieder durch Herrn Blanchard und Herrn Meier nahegelegt?

    Sparmaßnahmen in den öffentlichen Haushalten über die Zeitachse zu schieben, bis sie weniger kontraktiv wirken?

    Selbst wenn die Zahlen und ihre Interpretation verlässlich wären – was alles andere als gesichert ist, aber zugunsten der beiden Herren einmal unterstellt sei -, dann wird das wahre Problem davon nur am Rande berührt.

    Es besteht darin, dass eine Reihe von Ländern über seine Verhältnisse gelebt hat und noch lebt und dass dies über Auslandsverschuldung finanziert worden ist. Die Aussicht, Sparmaßnahmen aufschieben zu können, impliziert dann die Verheißung, dass man noch ein wenig länger auf Kosten des Auslands leben und/oder eine vollwertige Rückführung der Schulden verweigern kann.

    Die Frage ist dann, ob es zu einem Schuldenschnitt kommt – womit das Ausland geprellt und das Leben über die eigenen Verhältnisse belohnt wird – oder ob der Lebensstandard der Bevölkerung so weit reduziert wird, dass die Auslandsschulden bedient werden können.

    Für die Gläubiger mag eine Streckung der Schuldentilgung besser sein als ein Zusammenbruch der Schuldnernationen; wenn die Gläubiger ein Mindestmaß an ökonomischer Vernunft walten lassen, kann aber eines nicht in ihrem Interesse sein:
    Dass die Schuldner die Anpassung des Lebensstandards an ihre Leistungsfähigkeit so weit hinauszögern, dass sie – womöglich bis zum Sankt Nimmerleinstag – weiterhin von den Gläubigern alimentiert werden müssen. Natürlich werden sich die Gläubiger dann, soweit sie Waren auf Kredit geliefert haben, nach neuen Absatzmärkten umsehen müssen, wo sie zu Recht erwarten dürfen, dass ihre Rechnungen am Ende bezahlt werden – oder sie werden den Teil des Bruttoinlandsprodukts selbst konsumieren müssen, der in der Vergangenheit in den Schuldnerländern verfrühstückt wurde.

    Zumindest in diesem Umfang kann es – Blanchard hin oder Meier her – keine Befreiung von sofortigem Sparzwang geben – es sei denn, in den Gläubigerländern ist die Bereitschaft vorhanden, sich von den Schuldnerländern weiterhin verarschen zu lassen. Leider wird Deutschland von Kräften regiert, die nicht frei von dieser Bereitschaft sind, wobei die parlamentarische Opposition diese Bereitschaft geradezu kultiviert hat.

    Also fließt vorläufig weiter ausländisches Geld in den griechischen Staatshaushalt, statt dass die Profiteure des griechischen Staatsausgabenunwesens den Gürtel so eng schnallen müssen, dass das Ausland nichts mehr zuschießen muss.

    Dass die nominelle Staatsverschuldung und staatliche Sparzwänge dabei nicht entscheidend sind, zeigt im Übrigen das Beispiel Spaniens. Dort hofft man, dass die ausländische Ressourcenzufuhr möglichst weitgehend innerhalb des Bankensystems verarbeitet wird, damit der Staat nicht einspringen muss, um die aus der Finanzierung von Bauruinen resultierenden Löcher in den Bilanzen der spanischen Banken zu stopfen.

    Ob die spanischen Sparer mangels Werthaltigkeit ihrer Bankguthaben oder statt dessen die ansonsten zum Ausgleich herangezogenen spanischen Steuerzahler den Gürtel enger schnallen müssen, kann den Ausländern egal sein; entscheidend ist, dass in Spanien insgesamt der Gürtel enger geschnallt wird, statt dass dort auf Kosten des Auslands gelebt wird. An dieser simplen Wahrheit würde auch ein Staatsausgaben-Multiplikator von zehn nichts ändern.

    Eine ganz andere Frage ist die, ob die Sparzwänge die jetzt erreichten Ausmaße hätten annehmen können, wenn sich die genannten Länder nicht in das Korsett der Euro-Zone hineingezwängt hätten. Auf dem Wege der Abwertung der eigenen Währung lässt sich eine Reduktion des Lebensstandards der Bevölkerung mit weitaus geringeren Friktionen bewältigen.

    Was uns Blanchard vorrechnet, wäre, wenn es zutrifft, vor allem ein Plädoyer dafür, die Euro-Zone zu zerlegen, damit der Abbau von außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten nicht auf Maßnahmen mit kontraktiver Wirkung hinausläuft.

    Die nicht unbeträchtlichen Kosten, die heute mit einer Zerlegung der Euro-Zone angeblich verbunden wären, reflektieren nur den Umstand, dass in der Frage, ob und inwiefern die zwischen Schuldnern und Gläubigern aufgelaufenen Salden bedient oder gestrichen werden, in jedem Fall noch heftige Auseinandersetzungen bevorstehen“

    *

    Ihr Hinweis mit der 1-Billion $-Münze hat mich doch etwas amüsiert … mir war es offengestanden zu dumm, diesen Vorgang, den Sie korrekterweise als Schwachfug bezeichnen, bisher auch nur ansatzweise zu kommentieren.

    *

    „Der Staat gibt seine Einnahmen in der Regel immer komplett aus. Würde das der Privatsektor auch tun, gäbe es keine Probleme.“

    Wir erleben schon heute, wie der Leviathan vom lobbyfreien Privatsektor Tributverpflichtungen erzwingt.

    Dieser Trend wird sich fortsetzen und mit kurzer Schamfrist nach der Bundestagswahl die Kreuzchen-Zeichner mit voller Wucht treffen.

    Ich befürchte, dass es mit einer signifikanten Erhöhung der MwSt,, Korrekturen bei EKSt und Vermögensabgabe nicht getan sein wird um sich auftürmende Finanzlöcher, etwa

    -zu Gunsten der Süd-Europa-Alimentierung,
    -der verstärkt auf uns zukommenden Finanzierung von Kurzarbeit
    und last but not least
    -die größte Zeitbombe unserer Volkswirtschaft, zunehmend steigenden Pensions- und sonstigen impliziten Verpflichtungen

    zumindest ansatzweise gegenfinanzieren zu können.

    Dazu ein Zitat aus Roland Baader’s Geldsozialismus, 2010, S. 129f.:

    „Schulden müssen irgendwann zurückgezahlt werden, wenn nicht freiwillig, so durch zwanghafte Umstände. Und wenn die Schuldner nicht mehr zahlen können, müssen die Gläubiger selber die Rückzahlung vornehmen, indem sie ihre Forderungen abschreiben – das heißt, indem sie ihre eigenen Ersparnisse verlieren. Dann müssen alle, um weiterleben zu können, das restliche Kapital verzehren, das in der Vergangenheit gebildet worden ist. Ein Verarmungsprozess ohnegleichen setzt ein. Das ist der Preis des künstlich erzeugten Hyperbooms: Der abgrundtiefe Niedergang. Was wir seit einiger Zeit erleben – und noch lange erleben werden, ist keine „Krise“, sondern eine Zeitenwende, ein welthistorischer Absturz.“

    herzliche Grüße
    Ihr Oeconomicus

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  3. DividendenJaeger sagt:

    Sorry aber das die Lösung der Probleme mit der Verschuldung darin bestehen soll, dass der Staat weiterhin munter das Wachstum finanziert, damit einige wenige im Privatsektor sich weiterhin die Taschen füllen können, ist ja wohl auch nicht die Lösung. So richtig begriffen hat das System wohl keiner von den „Experten“ oder sie wollen es nicht.

    Das System funktioniert so oder so nicht. Der Staat kann nicht ewig aufschulden. Wir haben schon den Punkt erreicht, wo der Privatsektor dem Staat nicht mehr vertraut und somit kein Geld mehr leiht. Im letzten Akt wird jetzt rum getrickst. Die Notenbanken drucken beliebig virtuelles Geld, dass sie den Geschäftsbanken gehen zweifelhafte Sicherheiten oder Staatsanleihen von überschuldeten Staat ausleihen. Das wird über kurz oder lang die Geldwertstabilität unterminieren und zur Flucht in Sachwerte führen mit explodierenden Preisen und verarmender Bevölkerung. Zudem sorgt es für falsche Investitionsanreize am Bedarf vorbei, die man mit noch mehr Staatsschulden befeuern müsste.

    Die USA hinterlegt mal einfach eine 1 Billionen $ Münze und lässt sich das Geld dafür auszahlen. Glückwunsch an die Keynesianer für diesen Schwachfug.

    Der Staat gibt seine Einnahmen in der Regel immer komplett aus. Würde das der Privatsektor auch tun, gäbe es keine Probleme.
    Da einige im System aber ständig Ansprüche auf Geld akkumulieren, erzwingt das bei anderen eine Schuldenausweitung, damit das System weiter laufen kann. Tut das der übrige Teil des Privatsektors nicht, wird nach dem Staat geschrien, damit der hier als Generalschuldner auftritt, bis der am Ende ist.

    So geht es nicht meine Herrn Experten. Der Privatsektor muss soweit nötig gezwungen sein, seine Überschüsse auszugeben und nicht etwa zu verleihen.
    Der Staat sollte dann sich darauf konzentrieren, dass nur die wenigen hoheitlichen Aufgaben die bei Ihm liegen sollten, sinnvoll erfüllt werden und dafür soviel Steuern eintreiben, dass die am Besten ohne neue Schulden finanzierbar sind. Wenn unbedingt Schulden nötig sind, die nicht beim Privatsektor eingegangen werden sondern direkt bei der Notenbank, sollte er die Schulden nach einem Verteilungsschlüssel entsprechend Ihrer Leistungsfähigkeit kurzfristig seinen Bürgern auf die Konten einbuchen, damit die sich zum einen um die Rückzahlung kümmern können und zum anderen sich nicht einige wenige an der Allgemeinheit durch Zinszahlungen von gekauften Staatsanleihen bereichern können, sondern ganz im Gegenteil dafür arbeiten müssen, um die Konten wieder auszugleichen.

    Damit das so funktionieren kann, muss das Weltweit plus einige weitere Regelungen eingeführt sein.
    So lange es wie jetzt möglich ist, das ein Ungleichgewicht in der Geldverteilung stetig zunimmt, wird jedes System kollabieren. Da ändert keine Neoklassik, kein Keynes und keine österreichische Schule etwas dran. Das sind alles nur Nebelkerzentheorien.

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