Minister warnen USA vor der „Fiskalklippe“


G20-GIPFEL
Minister warnen USA vor der „Fiskalklippe“
Die Schuldenprobleme vieler Staaten weltweit lassen bei den Finanzministern und Notenbankchefs in Mexiko-Stadt die Alarmglocken schrillen. Vor allem die Haushaltsunsicherheiten der USA lösen Nervosität aus.
Handelsblattformat.at
Anmerkung
Besonders hübsch fand ich die Bemerkung des kanadischen Finanzministers Flaherty an die Adresse der US-Delegation:
„Keep your promises or become a Paper Tiger“
Es wäre eine Überraschung, wenn sich die USA von diesem Statement tatsächlich beeindrucken ließe. Schließlich konnte man doch bisher mit der wohlfeilen Muddling-Through-Strategie, welche sich erkennbar auch bei den EUROholics großer Beliebtheit erfreut, immer wieder Zeit erkaufen.
Konsequenz: die US-Staatsverschuldung steuert auf die 120%-Marke der Jahreswirtschaftsleistung zu – eine Quote, wie sie Italien schon seit längerer Zeit vorzuweisen hat!
In diesem Zusammenhang empfiehlt sich ein Blick auf den „BIS-Report to G20 Finance Ministers and Central Bank Governors on Basel III implementation“
Nachtrag:
Für heute, etwa gegen 22:20h wird zum Abschluß der Veranstaltung eine Pressekonferenz u.a. mit Wolfgang Schäuble und Jens Weidmann erwartet. Sofern Weidmann seine Teilnahme nicht absagt (wie bei der PK zur IWF-Jahrestagung in Tokyo), dürfen wir gespannt sein, ob die Meinungsdifferenzen zwischen Finanzministerium und Bundesbank zum Ausdruck kommen.

Ihr Oeconomicus

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follow-up, 06.11.2012:
teleboerse: G20 verpflichten USA und Europa
NZZ: „G-20-Treffen ohne Schwung“
G20 planen bessere Überwachung – Schattenbanken im Visier
Geht es nach den internationalen Finanzaufsehern, soll es den Schattenbanken 2013 an den Kragen gehen. Eine Reihe von Finanzinstituten und ihre Geschäfte sollen auf den Prüfstand kommen – denn die Angst der Regulierer vor einer neuen Finanzkrise ist groß.
[…]
Auch Versicherer geraten ins Visier
[…]
Neben den Schattenbanken wollen die Aufseher auch den Versicherern stärker auf die Finger sehen. Sie wehren sich zwar gegen eine Einstufung als „systemrelevant“, die Aufseher sehen das aber anders – vor allem, wenn Versicherer die Rolle des Kreditgebers spielen. Noch im ersten Halbjahr 2013 soll es deshalb eine Liste von „systemrelevanten Versicherern“ geben, die stärker beaufsichtigt werden und Abwicklungspläne vorlegen sollen. Dazu dürften aus Deutschland die Allianz und die Münchener Rück gehören. Die großen Versicherer sollen nach dem Willen des FSB auch höhere Kapitalanforderungen gestellt bekommen – aber erst 2019.
Kritik an Ratingagenturen und Bilanz-Experten
Zu schleppend sind Carney die Fortschritte, wenn es darum geht, Staaten und Banken weniger abhängig von Ratingagenturen zu machen, die die jüngste Finanzkrise zu spät kommen. In vielen Ländern knüpfen Gesetze und Bilanzierungsregeln noch an die Urteile von S&P, Moodys’s und anderen an und beeinflussen damit auch Anlageentscheidungen von Banken. Nun sollen die internationalen Bankenregulierer bis Ende des Jahres Vorschläge machen, wie sie das ändern wollen, und diese Ideen bis Anfang 2016 umsetzen.
Harsche Kritik übte der FSB an der anhaltenden Uneinigkeit der beiden Bilanz-Standardsetzer, der US-dominierten FASB und dem IASB, was die Rechnungslegung von Banken betrifft. Bei dem wichtigen Thema, wann Banken wie Rückstellungen für drohende Verluste buchen müssen, hätten sich ihre Positionen zuletzt eher wieder voneinander entfernt.
[…]
zum Artikel
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Anmerkung
Der kritische Diskurs, sofern er weitergeführt und die notwendigen Maßnahmen auch umgesetzt werden [ich habe da meine Zweifel], ist wichtig und richtig!
Dabei vermisse ich allerdings Hinweise darauf, wie man sich [wenn überhaupt] wirksame Regelungen vorstellt, um gravierende [aber leider legale] Steuer-Umgehungs-Tatbestände internationaler Konzerne zu unterbinden.
An den Beispielen Apple, Google, Facebook, eBay und Starbucks hat der Guardian gerade deutlich gemacht, welche gigantischen Summen an potentiellen Steuereinnahmen [gerade für die USA] gespart werden.
Das Schweizer Magazin 20min.ch hat diesen Bericht aufgegriffen und lobt die „Cleverness“ der Apple-Manager.
Stattdessen wäre die dafür verantwortliche Politik anzuprangern, die solche Auswüchse erst ermöglicht .. am Ende des Tages zu Lasten der Mehrheit ihrer bereits gebeutelten Steuerzahler!

Ihr Oeconomicus

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Nachtrag, 6.11.2012, 11:37h
NZZ: Vorstoss am G-20-Gipfel
Konzerne sollen im Heimatland Steuern zahlen

Deutschland und Grossbritannien haben am G-20-Treffen strengere Steuerstandards für internationale Grosskonzerne gefordert. Sie wollen verhindern, dass diese ihre Gewinne in Staaten mit tieferen Steuersätzen verschieben.
Steuerstandards hinken hinterher
Internationale Steuerstandards könnten nicht mit den globalen Geschäftspraktiken Schritt halten, «etwa mit der Entwicklung im E-Commerce», schreiben sie in ihrer gemeinsamen Erklärung. «Deshalb sind einige multinationale Unternehmen in der Lage, die Versteuerung ihrer Gewinne von da wegzubewegen, wo sie erzielt wurden.»
Durch solche Praktiken werde die Steuerbasis in Ländern wie Deutschland und Grossbritannien mehr und mehr ausgehöhlt. «Deutschland und Grossbritannien wollen ein wettbewerbsfähiges Unternehmenssteuer-System, das global tätige Firmen anzieht, aber beide Länder wollen auch, dass die Firmen diese Steuern bezahlen.»
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Anmerkung
George Osborne und Wolfgang Schäuble werden mir bei dieser [hoffentlich ernst gemeinten] Forderung schon fast symphatisch!

Ihr Oeconomicus

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„Dozenten- + Studenten-Futter“

Zur Vertiefung des Themenkomplexes, insbesondere des International Accounting Systems mit seinem segensreichen „fair-value-Verfahren“, dem genauen Gegensatz des im HGB, § 253 Abs. 2 verankerten Niederstwert-Prinzipes hier einige Info’s und Kommentare:
GELD HERRSCHAFT
Deutscher Bundestag Drucksache 15/930 – 15. Wahlperiode 07. 05. 2003 – „Finanzplatz Deutschland weiter fördern“
Grundlagen der International Financial Reporting Standards (IFRS) –
Quelle: Lehrstuhl für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre und Wirtschaftsprüfung der RWTH Aachen
EUROPÄISCHE KOMMISSION: „GRÜNBUCH SCHATTENBANKWESEN“
Prof. Dr. Kurt V. Auer:
Taschenbuch – „International harmonisierte Rechnungslegungsstandards aus Sicht der Aktionäre: Vergleich von EG-Richtlinien, US-GAAP und IAS“
Inauguraldissertation aus 2004 von Martin Georg Esser:
Fair-Value-Bewertung von Finanzinstrumenten im handelsrechtlichen Konzernabschluss –
Eine Untersuchung der Konsequenzen unter besonderer Beachtung des Draft Standard der Joint Working Group of Standard Setters
PDF [331 Seiten]

2 Kommentare on “Minister warnen USA vor der „Fiskalklippe“”

  1. „Dass Schuldenaufnahmen nur möglich sind, wenn ein anderer Geld übrig hat und zum Verleih bereit ist, kann als bekannt vorausgesetzt werden (nur nicht bei denen, die an das Hirngespinst einer „Geldschöpfung der Geschäftsbanken“ glauben). Weniger bekannt ist dagegen, dass die leihweise Aufnahme solcher überschüssiger Geldmittel nicht nur möglich, sondern in jeder Volkswirtschaft zwingend notwendig ist! Denn ohne die Rückführung über Kredite in den Kreislauf würden sie als Kaufkraft in der Wirtschaft fehlen. Als Folge käme es zu Unterbrechungen des Geldumlaufs und damit, in Höhe der Ersparnis, zu Nachfrageausfällen.
    …Normalerweise werden solche Ersparnisbildungen durch die Kreditaufnahmen anderer Wirtschaftsteilnehmer geschlossen, vor allem über Investitionen der Unternehmen. Gehen jedoch die Ersparnisbildungen über deren Bedarf hinaus, dann versucht man – nicht zuletzt durch exzessive Ausweitungen der Werbung – die Privathaushalte zum Kauf auf Pump anzuregen, wie das bereits in den 1960er Jahren zunehmend der Fall war. Da aber auch dieser Ausweg seine Grenzen hatte und die Geldvermögen immer rascher zunahmen, blieb schließlich nur noch der Staat zur Schließung des Kreislaufs übrig.
    …Die Staaten sind also, nach den Gesetzmäßigkeiten unseres heutigen Geldsystems, in Fällen überschüssiger Ersparnisbildungen zur Ausweitung ihrer Schulden gewissermaßen gezwungen. Und das heißt im Umkehrschluss, dass die Staaten in unseren Tagen ihre Schuldenaufnahmen nur dann abbremsen oder gar herunterfahren können, wenn Unternehmen oder Privathaushalte ihre Kreditaufnahmen ausweiten würden. Geschieht dies nicht im ausreichenden Umfang, dann versuchen die Besitzer dieser weiter wachsenden Vermögensmassen schließlich, ihre Gewinne über fragwürdige Finanzanlagen und Spekulationsgeschäfte hereinzuholen. Welche Folgen das wiederum hat, haben wir in den letzten zehn Jahren erlebt. Daraus ergibt sich, dass ein wirkungsvolles und unproblematisches Abbremsen der ständig wachsenden Schulden nur dann möglich wäre, wenn dies bei den Geldvermögen vorausgehen würde. Und das heißt wiederum, wenn man jenen Vermehrungs-Automatismus dieser Geldvermögen, der aus dem Zins- und Zinseszins-Effekt resultiert, anstatt der Schuldenzunahme abbremsen würde. Ein Abbau, der sich automatisch einstellt, wenn man, über einen geregelten Umlauf des Geldes, für ein marktgerechtes Absinken der Zinssätze und – in gesättigten Volkswirtschaften – deren Pendeln um die Nullmarke sorgt.“

    Helmut Creutz (aus HUMANE WIRTSCHAFT 02/2012)

    Alle, die in „dieser Welt“ an eine „Schuldenbremse“ glauben, leiden an Realitätsverlust. Die ganze halbwegs zivilisierte Menschheit ist noch immer von einer Geisteskrankheit betroffen, die vor Urzeiten erforderlich war, um den Kulturmenschen „wahnsinnig genug“ für die Geldbenutzung zu machen: die Religion. Die Befreiung von der Religion nennt sich „Auferstehung“: http://www.juengstes-gericht.net

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    • Oeconomicus sagt:

      werter Herr Wehmeier,

      vielen Dank für das Zitat von Helmut Creutz, dessen Sachverstand ich an vielen Stellen sehr schätze.
      Allerdings teile ich seine Auffassung, der „Geldschöpfungsprozess der Geschäftsbanken“ sei ein Hirngespinst, sofern sich diese Aussage auf die Giralgeldschöpfung bezieht, nicht.

      Da Sie „dieses Fass aufgemacht haben“ ist zu vermuten, dass Sie die Auffassung des Kollegen Creutz teilen. Sollte ich dies richtig interpretieren, wäre ich sehr auf Ihre persönliche Begründung gespannt.
      In diesem Zusammenhang könnte auch Keynes Werk „vom Gelde“ Band II „angewandte Theorie des Geldes“ zu Rate gezogen werden.

      Schuldenbremse:
      Ich kenne keinen ernstzunehmenden Ökonomen, der an die Fabel der Schuldenbremse wirklich glaubt, insoweit Zustimmung zu Ihrer These.

      Angenehmen Abend
      Ihr Oeconomicus

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