Atomlobby: Hinter den Kulissen eines weltumspannenden Milli­arden-Geschäfts


Die Kernenergie ist ein weltumspannendes Multi-Milliarden-Geschäft – für eine Hand voll Konzerne. Sie verbergen sich hinter Wasserkraft und Windrädern, Regierungen und einfachen Abgeordneten.
profil blickt hinter die Kulissen einer Branche, die nur allzu gerne sauberer wäre, als sie tatsächlich ist.
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I. Der Primat der Staaten
Ende 2010 hingen weltweit 443 Kernreaktoren in 30 Ländern am Netz, davon 143 in der EU. Zusammen deckten sie etwa 16 Prozent des globalen, gar ein Drittel des EU-Bedarfs. Gesicherte Zahlen über die Erlöse oder Gewinne der Atombranche existieren nicht. Allein in Europa dürften aber jährlich 200 Milliarden Euro mit der Erzeugung und dem Verkauf von Kernenergie, der Aufbereitung und Deponierung von Atommüll umgesetzt werden.
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II. Schaltzentrale Elysée-Palast
Der derzeit wohl einflussreichste Atomlobbyist der Welt residiert allerdings in der Rue du Faubourg Saint-Honoré im achten Pariser Arrondissement, Sitz des französischen Staatspräsidenten.
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III. Das Dilemma der Deutschen
In Deutschland hat alles begonnen. Im Dezember 1938 hatte der Atomphysiker Otto Hahn in einem Experiment die Kernspaltung entdeckt. Kaum drei Jahre später arbeiteten deutsche Physiker und Chemiker, die vor Adolf Hitler geflüchtet waren, in britischen und amerikanischen Laboratorien unter Hochdruck an der Entwicklung der Atombombe. Im Wettlauf mit dem NS-Regime. In die Entwicklung der Atombomben, die im August 1945 auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, waren zigtausende Wissenschafter involviert, von denen sich viele, entsetzt vom Ausmaß der Verheerung, später der zivilen US-Kernkraftforschung zuwandten. In Deutschland dagegen war Kernforschung auf Beschluss der Alliierten bis 1955 verboten. Den Vorsprung konnten die Deutschen nie wieder aufholen. Das Atomprogramm kam in den sechziger Jahren nur zögernd voran.
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IV. Wie man eine Branche grün färbt
Das stete Spannungsfeld zwischen staatlichen und Partikularinteressen hat dazu geführt, dass Deutschland über die Jahre zu einer Art Musterland für gewieftes Pro-Atom-Lobbying geworden ist.
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V. Politiker zu Diensten
Selbstredend beließen es die deutschen Branchengrößen nicht bei launigen PR-Konzepten.
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VI. Brüsseler Verbündete
Offiziell ist die EU gegenüber der Atomenergie „neutral“ eingestellt, wie Kommissionspräsident José Barroso gern betont. Doch die Atomindustrie stand schon bei der Geburt Europas Pate. Der Euratom-Vertrag gehört zu den Gründungsdokumenten aus dem Jahr 1958, und als der Verfassungskonvent im Jahr 2000 tagte, hofften Gegner der Kernenergie auf eine Änderung. Das Thema kam nicht einmal auf die Tagesordnung.
Der frühere französische Staatspräsident Valérie Giscard d’Estaing, der in Frankreich in den siebziger Jahren das erste große Atomprogramm gestartet und dessen Familie an Uranminen in Südafrika beteiligt ist, hatte den Konvent angeführt.
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VII. Donauwalzer
Für Freunde der Kernkraft, die das nicht offen sagen wollen, ist „Energiemix“ die Formel der neuen Zeit geworden. Mit dem Begriff bewerben auch heimische Anbieter ­ihren Ökostrom – und das, obwohl die Atom­industrie sich auch hierzulande längst eingenistet hat. Nach Erhebungen der staatlichen Energieregulierungsbehörde E-Control stammten 2010 rund sechs Prozent des österreichischen Stromaufkommens aus Atomkraftwerken. In Wahrheit sind es viel mehr.
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Otmar Lahodynsky , Michael Nikbakhsh, Josef Redl und Christa Zöchling – profil.at



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